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Realismus: Definition, 10 Merkmale & 8+9 Vertreter der Epoche

Der Realismus ist sowohl eine bekannte Kunst- und Literaturepoche des 19. Jahrhunderts als auch eine epochenunabhängige stilistische Darstellungweise. Im Folgenden findest du alles Wissenswerte zur Literaturepoche: eine Definition, den historischen Hintergrund, Unterschiede zwischen Kunst und Literaturströmungen, die wichtigsten Merkmale sowie bekannte Vertreter und Werke des poetischen Realismus.

Der Begriff Realismus lässt sich vom lateinischen “res” ableiten, das unter anderem so viel wie “Sache” oder “Ding” bedeutet. Ziel des Realismus ist es also, eine Sache möglichst echt und objektiv darzustellen. Es soll nichts beschönigt oder idealisiert werden. Warum diese Strömung sich so entwickelt hat und wie sie sich auf die Literatur ausgewirkt hat, erfährst du in diesem Artikel.

Die Epoche des Realismus

Karl Marx und Friedrich Engels lebten zur Zeit des Realismus

Die Literaturepoche des Realismus bezieht sich nicht nur auf die deutsche, sondern auch auf die englische, französische, russische und amerikanische Literatur. Wir erläutern dir insbesondere die deutschen Hintergründe und Merkmale dieser Epoche.

Dazu gehören Details zum historischen Hintergrund, die Begriffe “poetischer Realismus” und “bürgerlicher Realismus”, die wichtigsten Merkmale der Literatur sowie Unterschiede zwischen Literatur und Kunst. Das letzte Kapitel dieses Artikels kann dir außerdem dabei helfen, klassische Übungstexte zu finden, mit denen du für eine Klausur lernen kannst.

Eine kurze Definition

Die literarische Epoche des Realismus befindet sich zwischen 1848 und 1890. Somit ist sie der Nachfolger der Romantik (etwa 1795–1848), löst Vormärz und Biedermeier (beide etwa 1815–1848) ab und geht über in den Naturalismus (etwa 1880–1900).

In der deutschen Literatur etablierten sich die Begriffe “poetischer Realismus” und “bürgerlicher Realismus”, um die spezifische Epoche vom allgemeinen Realismusbegriff abzugrenzen. Als Realismus wird nämlich auch epochenunabhängig eine realistische literarische Darstellungsweise bezeichnet.

Der Erzähler des Realismus stellt seine Welt künstlerisch, aber objektiv dar. Er tritt in den Hintergrund und verzichtet auf die Moralisierung oder Begründung seiner Handlung. Soziale Umstände oder historische Themen werden geschildert, das einzelne Individuum und sein Innenleben werden betrachtet, insbesondere seine gesellschaftlichen Konflikte. Die Schilderungen des Erzählers sind detailliert, manchmal auch humorvoll und ironisch.

Historischer Hintergrund

Historischer Hintergrund des Realismus

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sprach man von der Literatur der Restaurationsepoche. Sie war geprägt vom politischen Vormärz und dem besinnlichen Biedermeier, die vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zur Märzrevolution 1848 reichten. Die Strömung “Biedermeier” beinhaltet eine konservative gesellschaftliche Haltung, die Flucht ins Idyll und ins Private. In der Literatur wird die bürgerliche Kultur (patriarchalisch, wohlhabend, gebildet, wohlerzogen) und das häusliche Glück geschildert.

Die Strömung “Vormärz” erhoffte sich eine politische Liberalisierung und Verbesserung der Lebensumstände. Sie bildete den Kontrast zum bürgerlichen Biedermeier. Der Brief und der Reisebericht sind hier wichtige literarische Genres. Die wichtigen Autoren dieser Zeit (genannt “das Junge Deutschland”) forderten auch mehr Liberalität in der Literatur.

Die Märzrevolution führte schließlich zum Sturz des Staatskanzlers Metternich und zur Lockerung der Zensur. Das politische Mitspracherecht blieb jedoch aus. Aus dieser Enttäuschung heraus und der fortschreitenden Industrialisierung blickten die Menschen auf Probleme des alltäglichen Lebens. Die Gesellschaft war geprägt von Säkularisierung (Abwendung von der Kirche), Verwissenschaftlichung, technischer Modernisierung und Emanzipation. Die Epoche des Realismus begann.

Literatur im Realismus

Die Literatur des Realismus will sich deutlich von der verklärenden Sichtweise der Romantik distanzieren. Es soll von nun an das Wesentliche klar aus einem Text hervorgehen und nichts mehr beschönigt werden. Es scheint keinen Platz mehr für das Verklärende, Mystische und Unheimliche zu geben, es sei denn, es wird nur als scheinbar unerklärlich dargestellt.

Der Begriff des Realismus sorgt allerdings manchmal für Verwirrung, was das eigentliche literarische Ziel anbelangt. Es geht nämlich nicht darum, etwas Reales aus der Wirklichkeit abzubilden, sondern etwas Fiktives so darzustellen, dass es real wirkt. Es geht um eine realitätsnahe Erzählweise und realitätsnahe Themen des bürgerlichen Lebens. Die innere Wahrheit einer Erzählung, das Wesentliche, ihr Kern, soll poetisch erhöht und veranschaulicht werden.

Die Handlung ist realistisch nachgestellt und der Wirklichkeit nachempfunden, aber nicht zwangsläufig wahr. Im späteren Naturalismus wurde hingegen Wert auf wirklichkeitsgetreue Nachahmung tatsächlicher Verhältnisse gelegt und wissenschaftlich detailreich berichtet, welche Missstände es gibt und wie elend der Alltag der Arbeiter aussieht.

Der poetische Realismus ist also nicht darauf ausgelegt, negative Aspekte des Lebens zu beleuchten, sondern lediglich Wahrheiten zu vermitteln und Erzählungen nicht mehr so ausgeschmückt, unrealistisch und träumerisch zu gestalten, wie es in der Romantik der Fall war. Er bildet die natürliche Übergangsphase zum extremeren Naturalismus.

Merke: Der Realismus versucht die innere Wahrheit einer Sache zugunsten einer Idee darzustellen, der Naturalismus die äußere Wahrheit inklusive plakativer Darstellung des Unschönen.

Poetischer Realismus (Bürgerlicher Realismus)

Poetischer Realismus

In der deutschen Literatur wird häufig von poetischem oder bürgerlichem Realismus gesprochen, um ihn von der allgemeinen ‘realistischen’ Darstellungsweise sämtlicher anderer Epochen abzugrenzen. “Bürgerlich” meint in diesem Sinne den “poetischen” Einfluss und das Schöpfen der Literatur aus der gesellschaftlichen Entwicklung innerhalb der Epoche des Realismus.

Alles, was also mit der typischen Programmatik der deutschen Literatur des Realismus zu dieser Zeit zu tun hat, muss als bürgerlicher oder poetischer Realismus bezeichnet werden. Wenn allgemein von Realismus als Erzähltechnik oder -stil gesprochen wird, kann auch lediglich eine realistische Darstellungsweise gemeint sein, die dem poetischen Realismus nicht zwangsläufig ähneln muss.

In der deutschen Literaturgeschichte wird als poetischer oder bürgerlicher Realismus manchmal auch der Zeitraum von 1850 bis 1899 bezeichnet. Somit gibt es in der Wissenschaft zum Teil leichte Abweichungen in der genauen zeitlichen Eingrenzung.

Wenn du dir nicht sicher bist, gib einfach den landesunabhängigen, festgelegten Zeitraum von 1848 bis 1890 an. Bedenke bei der literarischen Einordnung eines Werks in der Schule oder Universität allerdings, dass die typischen Merkmale des Realismus auch noch in späteren Werken nachhallen können.

Roman und Novelle im Realismus

Zur Zeit des poetischen Realismus finden sich viele bedeutende Prosa-Texte, vornehmlich Novellen und Romane. Die Epoche spielte eine wesentliche Rolle für diese beiden Gattungen, die durch sie einen Aufschwung erlebten.

Die Novelle erlebte zu dieser Zeit ihren Höhepunkt. Ihr Aufkommen begann im frühen 19. Jahrhundert mit Heinrich von Kleist, Joseph von Eichendorff und Johann Wolfgang von Goethe und gipfelte von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts in Werken von Eduard Mörike, Gottfried Keller, Theodor Fontane, Theodor Storm und Conrad Ferdinand Meyer.

So hallten auch noch nach der Epoche des Realismus im 20. Jahrhundert die Ergebnisse des Novellen-Aufschwungs in Arthur Schnitzlers, Thomas Manns, Günter Grass’ und Patrick Süskinds Werken nach. Beispiele für bekannte Werke des poetischen Realismus findest du in unserer Liste mit wichtigen Vertretern und Beispielen. In unseren Merkmalen findest du wichtige Eigenschaften sämtlicher literarischer Produktionen dieser Zeit.

Kunst im Realismus

Kunst im Realismus

Der künstlerische Realismus beginnt wie der literarische in der Mitte des 19. Jahrhunderts und legt Wert darauf, nichts zu beschönigen oder zu verklären. Allerdings ist er nicht so extrem wie der nachfolgende Naturalismus (Idealismus), der versucht alles so naturgetreu wie möglich nachzuahmen (Mimesis) und die negativen Aspekte des Lebens in den Vordergrund zu rücken. Im Gegensatz zur Literatur des Realismus setzt die Kunst nicht nur auf Alltäglichkeit, sondern auch auf politische Konnotationen.

Sie hat kein bestimmtes Verfahren und erlaubt künstlerische Freiheit. Klassifiziert wird sie also nur durch den Zusammenhang der politischen Absicht des Künstlers und der rezipierten Botschaft durch den Betrachter des Werks. Ihr bekanntester Vertreter ist der französische Maler Gustave Courbet (1819–1877).

Außerhalb der Epoche des Realismus entwickelten sich weitere Strömungen in der Kunst, die mit einer realistischen Darstellungsweise und kritischen Botschaft in Kontakt stehen. Beispiele sind der sozialistische Realismus (ursprünglich aus der Sowjetunion um 1930), der Flächen und Farbgestaltung vereinfachte, um monumentaler zu wirken und der magische Realismus (Europa, Nord- und Südamerika um 1920), der die Wirklichkeit mit magischer Realität (Träume, Halluzinationen, Verzerrungen) verschmelzen lässt. Er ist eine Synthese aus subjektiven Wirklichkeiten, ähnlich dem Surrealismus.

Wichtige Merkmale der Literatur des Realismus

In der Epoche des Realismus hat sich eine klare literarische Tendenz herauskristallisiert. Schriftsteller behandeln bestimmte Themen auf bestimmte Art und Weise. Diese bestimmten Eigenschaften helfen dir dabei, ein Werk klar zu dieser Epoche zuzuordnen. Im Folgenden haben wir alle wichtigen Merkmale für dich übersichtlich gelistet. So kannst du sie vor wichtigen Prüfungen auswendig lernen, für Referate nutzen oder sie für eine Analyse heranziehen, um die Epochenzugehörigkeit des Textes zu bestärken.

  1. Es wird sich bewusst nicht mit generellen politischen und gesellschaftlichen Hintergründen auseinandergesetzt, um das Individuum in den Vordergrund stellen zu können und seine sozialen Umstände besser beleuchten zu können.
  2. Es werden realitätsnahe, alltägliche Situationen abgebildet, aber mithilfe kunstvoller und poetischer Sprache (deshalb spricht man in Deutschland unter anderem vom poetischen Realismus).
  3. Protagonisten sind meist Kaufleute, Handwerker, Bauern oder andere alltägliche, greifbare Charaktere.
  4. Die Handlung spielt meist in Dörfern oder kleinen Städten.
  5. Der Erzähler tritt in den Hintergrund. Er beobachtet und beschreibt detailliert, aber kommentiert oder beurteilt nicht.
  6. Es findet nur indirekte Kritik an der Gesellschaft statt. Ob das Schicksal des Einzelnen auf die Allgemeinheit übertragen wird, bleibt dem Leser überlassen. Der Erzähler bleibt mit seiner Meinung stets auf Distanz.
  7. Die Ereignisse sollen möglichst realistisch wirken, auch wenn sie fiktiv sind.
  8. Es gibt oft eine Rahmen- und eine Binnenerzählung.
  9. Die detaillierten Beschreibungen von Landschaften, Gegenständen oder dem Wetter symbolisieren meist das Innenleben der Charaktere.
  10. Es werden häufig Humor und Ironie eingesetzt, um Distanz zur weniger lustigen Wirklichkeit aufzubauen.

Literatur im Realismus: Vertreter und Werke

Charles Dickens war ein Vertreter des Realismus

Im Folgenden haben wir viele wichtige Vertreter und Werke des Realismus für dich zusammengestellt. Du findest dort sowohl deutschsprachige als aus russische, französische, englische und amerikanische Schriftsteller. Die meisten Werke sind Novellen und Romane, die zu dieser Zeit sehr beliebt waren. Unter anderem gibt es aber auch Dramen und Lyrik.

Nutze sie, um deine Allgemeinbildung zu verbessern oder für wichtige Prüfungen zu üben. Je häufiger du dich mit Texten dieser Art beschäftigst, umso schneller erkennst du prägende Merkmale und gängige Stilmittel. Hier lernst du, effektiv zu lernen.

Deutschsprachige Vertreter und Werke

  1. Theodor Fontane (deutscher Schriftsteller, Journalist und Kritiker, 1819–1898)
    Effi Briest (Roman, 1894/95)
    Irrungen, Wirrungen (Roman, 1888)
    Frau Jenny Treibel (Roman, 1892)
  2. Friedrich Hebbel (deutscher Dramatiker und Lyriker, 1813–1863)
    Maria Magdalena (Bürgerliches Trauerspiel, 1844)
    Agnes Bernauer (Drama, 1851)
  3. Gottfried Keller (schweizer Dichter und Politiker, 1819–1890)
    Der grüne Heinrich (Bildungsroman, 1854/55)
    Romeo und Julia auf dem Dorfe (Novelle, 1856)
    Das Sinngedicht (Novellenzyklus, 1881)
  4. Conrad Ferdinand Meyer (schweizer Dichter, 1825–1898)
    Das Amulett (Novelle, 1873)
    Der Schuß von der Kanzel (Novelle, 1878)
    Der Heilige (Novelle, 1880)
  5. Adabert Stifter (österreichischer Schriftsteller, Maler und Pädagoge, 1805–1868)
    Bergkristall (Erzählung, 1845 und 1853)
    Der Nachsommer (Roman in drei Bänden, 1857)
  6. Wilhelm Raabe (deutscher Schriftsteller, 1831–1910)
    Der Hungerpastor (Entwicklungsroman, 1864)
    Der Dräumling (Roman, 1872)
  7. Theodor Storm (deutscher Schriftsteller 1825–1898)
    Immensee (Novelle, 1849)
    Aquis submersus (Novelle, 1876)
    Der Schimmelreiter (Novelle, 1888)
  8. Gustav Freytag (deutscher Schriftsteller, 1816–1895)
    Soll und Haben (Roman in sechs Büchern, 1855)
    Die verlorene Handschrift (Roman in fünf Büchern, 1864)

Vertreter und Werke aus aller Welt

  1. Lew Nikolajewitsch Tolstoi (russischer Schriftsteller 1828–1910)
    Krieg und Frieden (Historischer Roman, 1868)
  2. Gustave Flaubert (französischer Schriftsteller, 1821–1880)
    Madame Bovary (Roman, 1857)
  3. Émile Zola (französischer Schriftsteller, 1840–1902)
    Germinal (Roman, 1885)
  4. Octave Mirbeau (französischer Journalist, Kunstkritiker und Romanautor, 1848–1917)
    Tagebuch einer Kammerzofe (satirischer Roman, 1900)
  5. Emily Brontë (britische Schriftstellerin, 1818–1848)
    Sturmhöhe (Roman, 1847)
  6. Charles Dickens (englischer Schriftsteller, 1812–1870)
    Oliver Twist (Roman, 1837)
  7. Herman Melville (amerikanischer Schriftsteller, 1819–1891)
    Moby Dick (Roman, 1851)
  8. Mark Twain (amerikanischer Schriftsteller, 1835–1910)
    Die Abenteuer des Tom Sawyer (Roman, 1876)
    Die Abenteuer des Huckleberry Finn (Roman, 1885)
  9. Božena Němcová (Tschechische Schriftstellerin, 1820–1862)
    Die Großmutter (Original: “Babička”, Roman, 1855)
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