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Biedermeier: Definition, 7 Merkmale & 7 Vertreter der Epoche

Die Epoche des Biedermeier dauerte von etwa 1815 bis 1848 an und verlief parallel zur Epoche des Vormärz. Der Zeitgeist war geprägt von Gemütlichkeit, Häuslichkeit, Harmonie und Naturmotiven. Typische Merkmale zeigten sich in der Musik, Architektur und bildenden Kunst, vor allem aber in der Literatur. Erfahre bei uns alles Wissenswerte zum Biedermeier und seinen Auswirkungen.

 

Der Biedermeier zeichnet sich durch Häuslichkeit, Naturnähe, Volkstümlichkeit und Harmoniebedürftigkeit aus. Das Schlichte, Konservative und Altbewährte steht im Fokus. Es wird wenig experimentiert und dafür mehr beobachtet und genossen. Erfahre im Folgenden alles, was es über die Epoche zu wissen gibt.

Die Epoche des Biedermeier

In diesem Kapitel informieren wir dich über die Grundlagen des Biedermeier. Dazu gehört der historische Hintergrund, der Ursprung des Begriffs sowie Kultur und Leben zu dieser Zeit. Darauf aufbauend erfährst du in den weiteren Kapiteln, wie sich diese Umstände in der Literatur, Musik, bildenden Kunst und Architektur bemerkbar machten. Vor allem die literarischen Werke und ihre Merkmale sind hierbei für die Schule oder das Studium interessant.

Eine kurze Definition

Biedermeier: Sehnsucht nach Ruhe und Idylle

Die Epoche des Biedermeier verlief parallel zur Epoche des Vormärz. Beide dauerten in etwa von 1815 bis 1848 an. Ausgelöst wurden sie durch den Wiener Kongress und die Restaurationsphase in Deutschland, in der die ursprüngliche, streng reglementierte politische Ordnung wiederhergestellt werden sollte.

Der Biedermeier zeichnet sich durch Naturverbundenheit und Häuslichkeit sowie die Sehnsucht nach Idylle und innerer Ruhe aus. Im Gegensatz zum Vormärz ist er nicht von politischer Rebellion geprägt, sondern von konservativen Werten und politischer Passivität.

Historischer Hintergrund

Die Epoche des Biedermeier folgte auf den Wiener Kongress. Dieser wurde nach Napoleons gescheitertem Feldzug gegen Russland einberufen, um Europa neu zu ordnen. Es sollten die geordneten Verhältnisse wiederhergestellt werden, wie sie vor der Französischen Revolution bestanden. Der Biedermeier dauerte über die Restauration bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution 1848 an.

Eine bedeutende Rolle für Deutschland spielte während der Restauration der Fürst von Metternich. Er setzte 1819 die Karlsbader Beschlüsse durch und sorgte somit für eine strenge Zensur von Veröffentlichungen sowie Einschränkungen politischer Mitbestimmung.

Auf diese Einschränkungen reagierte der Biedermeier mit der Besinnung auf die privaten, häuslichen Vorzüge. Auf die Industrialisierung (Entstehung der Dampfmaschine, Gaslaterne, Lokomotive) und ihren technischen Fortschritt reagierte er mit Ablehnung. Auf ihre negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft (Armut, Krankheit, Elend) reagierte er mit Verdrängung, der Flucht in die Natur, der Darstellung des Schönen und der Besinnung auf eine höhere Macht (unter anderem Religion).

Ursprung des Begriffs “Biedermeier”

Heute gilt jemand als “bieder”, wenn er sich altmodisch oder spießig verhält oder kleidet. Häufig ist dieser Begriff negativ besetzt. Damals bedeutete er, dass jemand sich nach Regeln richtet und keine Risiken eingeht, somit auch fleißig, verlässlich, ehrlich und bescheiden ist.

Aus dieser Begriffsbedeutung entstand die karikaturistische Figur des Weiland Gottlieb Biedermaier. 1855 veröffentlichte ein humoristisches Magazin aus München mit dem Namen “Fliegende Blätter” Gedichte über den fiktiven Charakter. Er verkörperte die naiven Bürger, die ihre Zeit lieber im häuslichen Idyll verbrachten, anstatt sich für das politische Geschehen zu interessieren oder zu engagieren. Der Name Biedermeier wurde nachträglich (um 1900) auf die Epoche übertragen.

Kultur und Leben in der Epoche des Biedermeier

Das häusliche Klavierspielen gehörte zur Kultur des Biedermeier

Die Kultur des Biedermeier hat bis heute Einfluss auf unsere gesellschaftlichen Sitten und Bräuche. Nicht nur die “Gemütlichkeit” wurde zum Modebegriff, es entstanden auch die ersten Formen des heutigen Wohnzimmers (damals noch “Wohnstube”), in dem gemeinsam musiziert, ein Kaffeekränzchen veranstaltet oder ein Stammtisch abgehalten wurde.

Die biedermeierliche Familienstruktur war patriarchalisch. Die Frau übernahm den Haushalt und kümmerte sich um die Kinder, der Mann war das Oberhaupt und der Ernährer der Familie. Wohlhabende Familien beschäftigten zusätzliches Personal zur Säuglingsbetreuung, Kindererziehung, zum Kochen und Putzen. Auch Hauslehrer und Kutscher wurden angestellt. Zu den Freizeitaktivitäten gehörten Klavierspielen und Handarbeiten.

Auch das Weihnachtsfest, wie wir es heute kennen – im trauten Heim und im Kreis der Familie, mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern und Bescherung – entstand in der Zeit des Biedermeier.

Biedermeier in der Literatur

Die Epoche des Biedermeier hat sich deutlich in der Literatur abgezeichnet und einige bekannte Werke hervorgebracht. Er weist einige Ähnlichkeiten zur Romantik auf, lässt sich aber trotzdem klar unterscheiden. Zudem stellt er das Gegenteil zur Literatur des Vormärz dar. Wir haben die wichtigsten Merkmale biedermeierlicher Literatur für dich zusammengestellt. Des Weiteren findest du die Hauptunterschiede zum Vormärz sowie wichtige Merkmale und einzelne Werke der verschiedenen literarischen Gattungen.

7 Merkmale biedermeierlicher Literatur

Der Biedermeier läuft parallel zur Epoche der Romantik (1795–1848) und weist somit auch ähnliche Eigenschaften auf. Die Motive Melancholie und Sehnsucht greifen beispielsweise mit der Romantik ineinander. Allerdings geht es im Gegensatz zur Romantik nicht vordergründig um subjektive Wahrnehmung und die Gefühlslage einzelner Individuen. Es wird nicht nur in die Natur geflüchtet, sondern auch gereist, beobachtet, bewundert und dokumentiert. Zudem bricht die Romantik mit alten Formen und erhöht die künstlerische Freiheit, der Biedermeier bleibt hingegen konventionell und schlicht.

  1. Erzählorte: häufig große und unbewohnte Landschaften
  2. Sprache: bildhaft und poetisch
  3. Motive: Melancholie, Sehnsucht, Resignation, Natur als höhere Macht (das Göttliche in der Natur), Genügsamkeit, Bändigen der Leidenschaften, Liebe, Vergänglichkeit
  4. Literaten: nicht wie üblich nur aus gutem Hause, sondern auch bürgerliche Dichter und Schriftsteller
  5. Literarische Gattungen: hauptsächlich Kleinformen wie Erzählungen, Novellen, Kurzgeschichten, Gedichte, Volkslieder, Dramen
  6. Stil: die bestehenden Literaturgattungen erhielten neuen Inhalt, aber keinen neuen Stil; die alten Formen wurden beibehalten
  7. Typisches Werk: “Mimili” (Erzählung, 1815/16) von Heinrich Clauren. Es geht um einen Offizier, der in die Schweizer Alpen flüchtet, um sich eine Auszeit von der Großstadt Paris zu nehmen. Dort verliebt er sich in Mimili, die sehr naturverbunden und botanisch begabt ist. Die Natur fungiert wie typisch für den Biedermeier als Bindeglied zwischen Mensch und Wohlbefinden.

Unterschiede zum Vormärz

Der Vormärz war eine politisch aktive Strömung, die sich für Frauenrechte, Pressefreiheit, Demokratie und die Trennung von Staat und Kirche einsetzte. Sie ist gegen die Restauration und fordert eine neue Ordnung, anstatt die alte Ordnung wiederherzustellen.

Die Literatur des Vormärz befasst sich mit der Gegenwart, ist sachlich, für das Volk geschrieben und unterscheidet sich stark von der träumerischen Welt des Biedermeier. Wichtige Vertreter sind Heinrich Heine (“Die Lore-Ley”, 1824) und Georg Büchner (“Woyzeck”, 1836). Der Vormärz lässt sich in “Junges Deutschland” und den "radikalisierten Vormärz” unterteilen. Letzterer beginnt erst um 1840 und zeichnet sich durch eine verschärfte Auflehnung gegen die Politik aus, die 1848 schließlich eine bürgerliche Revolution auslöste.

Lyrik des Biedermeier

Lyrik des Biedermeier: Liebe, Natur, Bescheidenheit

Die Lyrik dieser Epoche weist sich durch einen einfach gehaltenen Charakter aus, der teilweise sogar ins volkstümliche übergeht. Beliebte Themen sind Liebe, Bescheidenheit, Häuslichkeit und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Natur und Religion, das Finden innerer Ruhe und Wohlbefinden sind beliebte Motive. Ein Paradebeispiel für die Lyrik des Biedermeier ist “Er ist’s” von Eduard Mörike:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

(Eduard Mörike, 1829)

In diesem Gedicht zeigen sich viele typische Merkmale des Biedermeier. Insbesondere das Naturmotiv steht im Fokus. Es geht um den Wechsel von Winter zu Frühling, der freudig erwartet wird. Der Jahreszeitenwechsel symbolisiert die Natur als höhere Macht. Das Gedicht wirkt schlicht, leicht verständlich, harmonisch und in seiner einfachen Form schon fast volkstümlich.

Epik des Biedermeier

Der Biedermeier drückte sich größtenteils in kurzen Textformen aus. In der Epik waren es hauptsächlich Prosatexte wie Erzählungen, Novellen und Kurzgeschichten. Die Novelle war recht weit verbreitet. Klassische Beispiele sind “Die Judenbuche” (1841) von Annette von Droste-Hülshoff, “Der arme Spielmann” (1848) von Franz Grillparzer oder “Die schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf (1842). Wie auch in anderen literarischen Werken des Biedermeier geht es häufig um die Abwendung von der Welt.

Dramatik des Biedermeier

Dramen spielten in der Epoche des Biedermeier ebenfalls eine Rolle. Insbesondere Franz Grillparzer, Johann Nestroy und Ferdinand Jakob Raimund begründeten das biedermeierliche Drama. Es war geprägt durch Melancholie und eine pessimistische Einstellung zur Gesellschaft und zur Industrialisierung. Zudem stammten die Literaten nicht mehr ausschließlich aus Adelsgesellschaften, sondern waren nun teilweise auch bürgerlicher Herkunft.

Im Vergleich zu anderen Gattungen dieser Zeit sind die Dramen eher düster. Aus dieser düsteren Melancholie entstand das Rührstück (ein Theaterstück, das das Publikum zu Tränen rühren sollte). Zudem verbreiteten sich Komödien (zum Beispiel die Possen von Johann Nestroy). Sie sind teilweise bis ins Groteske verzerrt.

7 Vertreter und 23 typische Werke

Ein Vertreter des Biedermeier: Franz Grillparzer

Die Epoche des Biedermeier bezieht sich vor allem auf den damaligen Deutschen Bund (bestehend aus Preußen, Österreich, Teilen Dänemarks und Ländern Deutschlands, bevor es Bundesländer gab). Im Gegensatz zum Vormärz, der eher selten Anklang fand und politisch war, gehörte der harmoniebedürftige Biedermeier zur Massenkultur.

Deshalb gab es eine Fülle an literarischen Werken, von denen wir einige im Folgenden für dich zusammengestellt haben. Nutze sie, um für Klausuren zu üben oder einfach, um deine Analysefähigkeiten zu verbessern. Je mehr du dich mit biedermeierlichen Texten beschäftigst, umso besser wird dein Feingefühl für den besonderen Stil und den Zeitgeist dieser Epoche.

 

 

  • Franz Grillparzer (1791–1872)
    Die Ahnfrau (Drama, 1817)
    Melusina (Romantische Oper, 1822/23)
    Weh dem, der lügt! (Drama, 1838)
    Der arme Spielmann (Novelle, 1848)
  • Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)
    Des Arztes Vermächtnis (Epos, 1838)
    Die Schlacht im Loener Bruch (Epos, 1838)
    Heidebilder (Gedichte, 1841/42), darin unter anderem “Der Knabe im Moor” (Ballade, 1842)
    Die Judenbuche (Novelle, 1842)
  • Jeremias Gotthelf (1797–1854)
    Der Bauernspiegel (Roman, 1837/39)
    Dursli der Branntweinsäufer oder Der heilige Weihnachtsabend (Novelle, 1839)
    Die schwarze Spinne (Novelle, 1842)
  • Eduard Mörike (1804–1875)
    Der Schatz (Erzählung, 1835)
    Der Bauer und sein Sohn (Märchen, 1839)
    Mozart auf der Reise nach Prag (Novelle, 1855)
  • Adalbert Stifter (1805–1868)
    Der Hochwald (Erzählung, 1841)
    Der beschriebene Tännling (Erzählung, 1846)
    Prokopus (Erzählung, 1848)
    Der Nachsommer (1857)
  • Johann Nestroy (1801–1862)
    Der Talisman (Posse, 1840)
    Einen Jux will er sich machen (Posse, 1841)
    Der Zerrissene (Posse, 1844)
  • Heinrich Clauren (1771–1854)
    Das Raubschloß (Novelle, 1812, 1818)
    Mimili (Erzählung, 1815/16)

Biedermeier in der Kunst

Dem biedermeierlichen Zeitgeist entsprechend, fanden sich vornehmlich häuslich-idyllische Darstellungen, Landschaftsmalereien und Portraits in der bildenden Kunst. Im Gegensatz zur Literatur fehlen allerdings religiöse Abbildungen. Der Stil wurde sehr realistisch gehalten und wies große Ähnlichkeit zur Fotografie auf. Allerdings deutet die realistische Darstellung nicht immer auf reale Zustände hin.

Häufig wurden die Motive idealisiert und übersteigert abgebildet, ähnlich wie in der Spätromantik. Das Elend und die Armut der Menschen durch die Industrialisierung sollte nicht betont, sondern verdrängt werden. Klassische Vertreter sind Moritz von Schwind, Friedrich Gauermann und Eduard Gaertner. Speziell die detaillierte Abbildung von Wohnräumen (Zimmerbilder) war typisch für den Biedermeier.

Biedermeier in der Musik

Biedermeier in der Musik: fröhlich und volkstümlich

In der Musik wird meist nicht von “Biedermeier” gesprochen, sondern von der Frühromantik. Bürgerliche Hausmusik etablierte sich, das Klavierspielen im eigenen Heim wurde populär, es wurden Gesangvereine gegründet, Walzer getanzt (vor allem in Wien), leichte und fröhliche Stücke waren gefragt. Ähnlich wie in anderen Künsten des Biedermeier gab es das Bedürfnis nach Idylle, Harmonie und Leichtigkeit. Robert Schumann, Johann Strauss’ Vater und Franz Schubert (nach seinem Tod) waren beliebt und auch Wilhelm Müllers oder Alexander Frescas Lieder kamen gut beim Bürgertum an.

Biedermeier-Möbel und Architektur

Besonders einprägsam und auf dem heutigen Möbelmarkt sehr beliebt sind Biedermeier-Möbel. Sie stellen eine Variante des Klassizismus dar und sind deshalb nicht so prunkvoll wie die Möbel manch anderer Epoche. Dennoch sind sie einprägsam und elegant, wirken wert- und stilvoll. Sie sollten Behaglichkeit ausstrahlen, aber auch zweckmäßig sein. Der bedeutendste Architekt des Biedermeier war Joseph Kornhäusel, der unter anderem Aufträge des Adels erhielt.

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