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Expressionismus: Definition, 11 Merkmale & Vertreter der Epoche

Der Expressionismus (etwa 1905 bis 1925) ist eine ausdrucksstarke Epoche, die sich vor allem in Literatur und Kunst zeigt. Sie ist geprägt von Individualität, Subjektivität und dem Drang nach Veränderung. An welchen prägnanten Merkmalen du den Expressionismus erkennst und welche Vertreter diese Epoche am besten repräsentieren, erfährst du bei uns.

Im Folgenden findest du alles Wissenswerte zur Epoche des Expressionismus. Ihre besondere Ausdrucksweise hat sich in den verschiedensten Künsten deutlich gezeigt. Dazu gehören Architektur, Film, Musik, Tanz und Kirchenmalerei, vor allem aber Literatur und Kunst. Wir haben ein besonderes Augenmerk auf expressionistische Literatur und Kunst gelegt. Erfahre alles über die wichtigsten Merkmale und bekanntesten Vertreter.

Expressionismus: Die Epoche des Ausdrucks

Farben dienen im Expressionismus als Ausdruck von Gefühlen

Der Expressionismus ist eine Stilrichtung in der Kunst und eine wichtige Literaturepoche. Sie ist geprägt von Verstädterung, Technologisierung und Fortschritt, aber auch von veralteten Wertvorstellungen gegen die die Künstler und Literaten angehen wollten. Um die Menschen wachzurütteln und von ihrer alten Weltsicht zu befreien, sind die Werke des Expressionismus geprägt von Sozialkritik, Isolation, Zerrissenheit, Überreizung und Tod. Es entstand ein Bedürfnis nach einer neuen Generation von Menschen, die sich dem Fortschritt der Zeit anpassen und aus ihren alten Fugen brechen sollte.

Der Begriff “Expressionismus”

“Expressionismus” leitet sich aus den lateinischen Wörtern “ex” und “premere” ab, die zusammengesetzt “ausdrücken” bedeuten. Im weiteren Sinne bezeichnen sie auch, dass etwas von innen nach außen getragen wird. Der Expressionismus gilt als Epoche des Ausdrucks, beziehungsweise der Ausdruckskunst, da sich die Gefühlswelt der Künstler ungehalten in Kunst und Literatur niederträgt. Hierbei steht die individuelle, innere Wahrnehmung der Dinge im Vordergrund und nicht wie üblich die Abbildung dessen, was das Auge wahrnimmt.

Definition

Der Expressionismus dauerte etwa von 1905 bis 1925 an und ist eine Strömung der Moderne (etwa 1890–1920). Ihm vorausgegangen sind der Naturalismus (etwa 1880–1900) und der Impressionismus (etwa 1860–1920). Ausgelöst durch die Verstädterung und fortschreitende Industrialisierung gehörten zu den wichtigsten Themen Entfremdung, Anonymität, Tod, Verfall, Weltuntergang, Reizüberflutung und Isolation.

Es wurde mit alten Kunsttraditionen gebrochen und eine neue, ausdrucksstarke Form geschaffen, die viel Raum für Individualität und Subjektivität lässt. Die alte Weltanschauung sollte mithilfe von Kunst (vor allem Literatur und Malerei) erneuert werden und die Gesellschaft vor einer Entmoralisierung bewahren.

Historischer Hintergrund

Industrialisierung und Verstädterung sorgen für Anonymität und Isolation

Die Verstädterung (Urbanisierung) und fortschreitende Industrialisierung erregt Besorgnis bei der jüngeren Generation. Die Städte sind überfüllt, es gibt eine weitläufige Infrastruktur, Werbetafeln finden sich an jeder Ecke. Die Menschen befürchten einen Abfall der Moral und gegenseitiger Rücksichtnahme durch die zunehmende Anonymisierung in den Großstädten.

In Literatur und Kunst gab es zuvor klare Formvorgaben, Techniken und Abbildungsarten. Der Wilhelminismus bestimmte die Malerei maßgeblich und stand für eine realistische Abbildung, einen symmetrischen Bildaufbau, die Verschleierung des Schlechten und die Fokussierung auf schöne, wohlhabende Menschen. Also versuchten sowohl Kunst als auch Literatur gegen den Wilhelminismus vorzugehen. Den Übergang bildete der Naturalismus, der zwar häufig noch für Formschönheit sorgte, aber bereits gegen die Oberschicht vorgehen wollte. Mehr dazu im nächsten Kapitel.

Expressionismus als Folge des Naturalismus

Der Naturalismus dauerte in der Literatur von 1880 bis etwa 1900, in der Kunst von 1870 bis 1890 an. Die Malerei eiferte der Natur nach und wollte die Abstände zwischen Kunst und Original möglichst gering halten. Auch in der Literatur sollte durch die nachgeahmte natürliche Umgangssprache und Dialekte für eine möglichst realitätsgetreue Abbildung tatsächlicher Zustände gesorgt werden. Soziale Randgruppen und Missstände wurden in Kunst und Literatur integriert und die Auflehnung gegen Aristokratie und Salonkultur war im Gange.

Der Naturalismus kann somit als Vorbote des Expressionismus betrachtet werden. Die Folgen der Industrialisierung und die Schicksale des Einzelnen wurden nicht ignoriert, sondern fanden sich in den Künsten wieder. Allerdings ging es hier noch nicht um die subjektive Wahrnehmung der Gesellschaft. In diesem Punkt stellt der Expressionismus eine Gegenbewegung zum Naturalismus dar, denn er legt keinen Wert mehr auf Formschönheit oder die Abbildung einer objektiven Realität. Individualität und Groteske sind die primären Themen, die die ältere Generation schockieren und wachrütteln sollen.

Der nahende Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918 an

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Welt von zahlreichen politischen Spannungen und internationalen Krisen geprägt. Die Länder isolierten sich, rüsteten auf und bereiteten sich langsam auf einen Krieg vor. Der Ausbruch des Krieges 1914 wurde im Bürgertum weitgehend gefeiert. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Krieg bis 1918 andauern und 17 Millionen Menschen ihr Leben kosten wird.

Der Erste Weltkrieg wurde zunächst auch von expressionistischen Künstlern und Autoren begrüßt. Er sollte den Knall darstellen, den es brauchte, um die veralteten Werte der Gesellschaft zu erneuern. Die Nachkriegszeit sollte in ihren Augen eine Zeit des Wandels sein, nicht der Trauer und des Leids. Schließlich trugen sich allerdings genau diese Emotionen in den expressionistischen Werken nieder.

Kunst des Expressionismus

Die Kunst des Expressionismus zeichnet sich durch ihren freien Umgang mit Farbe und Form aus. Die Farbgebung ist häufig ungemischt und plakativ-provokant. Die Formen reichen von leichter Abstraktion und einer Reduzierung der Motive auf simplere Formen bis hin zu komplett frei gezeichneten abstrakten Werken. Sie stellen besonders gut dar, worum es den Künstlern des Expressionismus geht:

Traditionelle Kunstformen sollen aufgelöst werden und nicht mehr ausschließlich der ästhetischen Betrachtung dienen. Kunst soll zum Erlebnis werden, das Gefühle hervorruft und Gefühle abbildet. Es werden diverse Künstlergruppen wie “Die Brücke” oder “Der blaue Reiter” gegründet. Zudem entstand gegen Ende der Epoche der abstrakte Expressionismus, der die bisherigen Ausdrucksformen noch überspitzte. Die Strömungen gingen schließlich über in andere Kunstepochen wie den Surrealismus.

Die Kunstepoche des Expressionismus reichte in etwa bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Allerdings gab es noch lange nach dieser Zeit wichtige expressionistische Künstler und Werke (siehe abstrakter Expressionismus, New York School). Noch heute profitieren Künstler von der Sprengung der alten Kunstformen, indem sie ihren ganz persönlichen Stil ausleben können.

6 Merkmale expressionistischer Kunst

Expressionistische Kunst: Einfache Formen und Holzschnitt-Technik

1. Zeitraum:

  • Ende 19. Jahrhundert (1885–1900) bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (1918)

2. Stil:

  • freier Stil, unbegrenzte Formen
  • manchmal holzschnittartig (Beispiel: KG Brücke)
  • Reduzierung auf einfache Formen und markante Elemente

3. Farben:

  • ungemischte und plakative Farben als direkter Ausdruck von Gefühlen

4. Motive:

  • die individuelle Wirklichkeit, persönliche Wahrnehmung, unkontrollierte Gefühlsausbrüche
  • Krieg, Verfall, Angst, Weltuntergang, Stadt, Tiere, Stillleben, Selbstportraits

5. Ziele:

  • Sozialkritik, Umdenken der Menschen, Brechen mit alten Maltraditionen

6. Vertreter und Werke:

  • Wassily Kandinsky: Der Blaue Reiter (1903), Murnau, Dorfstraße (1908)
  • Marianne von Werefkin: Rote Stadt (1909), Schlittschuhläufer (1911)
  • Ernst Ludwig Kirchner: Sitzende Dame (Dodo) (1909), Gut Staberhof auf Fehmarn (1910), Die Zirkusreiterin (1913), Eine Künstlergemeinschaft (1926/27)
  • Franz Marc: Die großen blauen Pferde (1911), Die gelbe Kuh (1911), Tierschicksale (1913), Der Tiger (1912), Der Turm der blauen Pferde (1912/13)
  • Otto Müller: Zwei Mädchen im Grünen (um 1925), Zigeunerpferd am schwarzen Wasser (1928)
  • August Macke: Indianer auf Pferden (1911), Mädchen unter Bäumen (1914)

Die Künstlergruppe “Brücke” (KG Brücke)

Die Künstlergruppe "Brücke"

Die Künstlergruppe “Brücke”, auch “KG Brücke” gilt heute als eine der wichtigsten Vertreter der klassischen Moderne. Sie wurde 1905 in Dresden gegründet und 1913 aufgelöst. Ihre Gründer waren die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Weitere Mitglieder waren Max Pechstein, Otto Mueller und Cuno Amiet, kurzzeitig auch Emil Nolde und Kees van Dongen.

Die Gruppe legte Wert auf einen einheitlichen Stil, zu dem starke Kontraste und eine intensive Farbwahl gehörten. Es gab wenig Details und viele klare, plakative Linien und kantige Vergröberungen. Zu den Techniken der Brücke gehörten Holzschnitt, Lithographie und Aquarell.

Ziel ihres Schaffens war es für eine neue, junge Kunstform zu sorgen, die die Menschen aufrütteln und beunruhigen sollte. Die Brücke wollte mit alten Konventionen brechen und eine neue Generation an Künstlern und Kunstbetrachtern beeinflussen.

Das Projekt “Der Blaue Reiter”

Als "Blauer Reiter" bezeichneten die Künstler Wassily Kandinsky und Franz Marc ihre Ausstellungen in deutschen und europäischen Städten und ein Almanach (Jahresfachzeitschrift) mit dem Namen “Der Blaue Reiter”. Der Name entstand durch Kandinskys gleichnamiges Werk von 1903.

Sie versuchten, zusammen mit ihrem Redaktionsteam, ihr Verständnis von Kunsttheorie zu vermitteln und anhand konkreter Kunstwerke darzustellen. Es sollte von alten Maltraditionen abgerückt werden und eine Plattform für neue, moderne Kunst geschaffen werden.

Im Almanach fanden sich unter anderem Werke von August Macke, Henri Rousseau, Vincent van Gogh sowie von Kandinsky und Marc selbst. Auch wenn sich Der Blaue Reiter zum Ersten Weltkrieg 1914 auflöste, gilt es als eines der wichtigsten Manifeste der modernen Kunst in Europa.

Abstrakter Expressionismus

Abstrakter Expressionismus: Hier das sogenannte 'Action Painting'

Die Stilrichtung “abstrakter Expressionismus” wurde durch die New York School geprägt; eine Gruppe amerikanischer Maler und Dichter der späten 1940er bis frühen 1960er Jahre. Zu ihnen gehörte unter anderem Jackson Pollock und Willem de Kooning, die Wegbereiter des sogenannten Action Painting. Action Painting und die Farbfeldmalerei gehören zu den prägnantesten Techniken dieser Strömung.

Der abstrakte Expressionismus legte keinen Wert auf Perfektion oder Vernunft. Er ließ sich von spontanen Gefühlsausbrüchen leiten. Die Darstellung war abstrakt, die Technik variierte stark. Es gab Pinseltechniken, Arbeiten mit einem Spachtel, der Handfläche oder sogar mit einem durchlöcherten Eimer, aus dem Farbe fließt. Der Charakter dieser Kunstform ist intuitiv, mystisch, romantisch, irrational und spontan – die heutige Definition moderner, abstrakter Kunst.

Literatur des Expressionismus

Die Autoren gehörten größtenteils zum gebildeten Bürgertum. Sie entwickelten Frust gegenüber der veralteten, spießigen und verlogenen Denkweise ihrer Mitmenschen und wünschten sich eine neue Welt mit neuer Denkweise. Es entstand ein Generationenkonflikt, der sich auch auf die Politik auswirkte.

Der Expressionismus lässt sich in zwei Zeiträume gliedern: den Frühexpressionismus (1905–1914) und den Kriegsexpressionismus (1914–1918). Zu Beginn des Kriegsexpressionismus waren die Autoren dieser Epoche dem Krieg gegenüber noch positiv gestimmt. Die Aufbruchsstimmung verlangte nach einem großen Knall, der all die Menschen aus ihrer Ohnmacht herausholte und eine neue Welt einläuten sollte.

Da allerdings auch viele ihre Angehörigen verloren haben, Autoren im Krieg gefallen sind oder schwer verwundet wurden, endete der literarische Kriegsexpressionismus. Die übrigen Vertreter wendeten sich dem Pazifismus (Ablehnung von Krieg und Waffen) und Sozialismus (Gerechte Verteilung von Gütern) zu.

5 Merkmale expressionistischer Literatur

Merkmale expressionistischer Literatur

1. Zeitraum:

  • 1905 bis 1925

2. Sprache und Stil:

  • Bruch mit formellen Vorgaben, formlose Werke, fehlende Reime, keine Strophenform, fragmentarischer Stil
  • unterschiedliche Motive werden auf neue Weise zusammengesetzt
  • durch Worte werden Bilder aufgebaut und dann wieder zerstört
  • die Wortbilder und Abschnitte müssen nicht in einem logischen Zusammenhang stehen, sondern sollen selbstständig für sich allein stehen können (Anzeichen für Entfremdung und Isolation)
  • kein Bezug zur Realität oder Logik
  • viele Metaphern und Neologismen (Wortneuschöpfungen)
  • in der Lyrik werden Farben als Symbole eingesetzt

3. Motive:

  • Großstadt, Anonymität, Reizüberflutung, Tod, Weltuntergang, Entfremdung, das Hässliche, das Abstoßende, das Groteske
  • Fantastik und Krankheit
  • Neue sinnliche Erfahrungen, Wahnsinn wird als positives Gegenbild zum konservativen Normalbürger betrachtet
  • Protagonisten, die der Rationalität und Langeweile des Alltags entfliehen, indem sie sich in Rausch- und Traumwelten versetzen

4. Ziele:

  • Den alten Menschen wachrütteln und schockieren und ihn durch einen neuen Menschen ersetzen
  • Die starre, traditionelle Denkweise lockern
  • Das Bekannte soll verfremdet werden und so eine neue Sicht auf die Dinge bewirken
  • Befreiung von den politischen, sozialen und ästhetischen Vorstellungen der Vergangenheit
  • gegen die Degradierung des Menschen als Arbeitskraft

5. Vertreter und Werke:

  • Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929), Ermordung einer Butterblume (1905)
  • Robert Musil: Vereinigungen (1909)
  • Otto Flake: Die Stadt des Hirns (Roman, 1919)
  • Franz Werfel: Der Tod des Kleinbürgers (Erzählung, 1927)
  • Franz Kafka: Die Verwandlung (Erzählung, 1912)
  • Gottfried Benn: Gehirne (Novellen, 1916), Fleisch (gesammelte Gedichte, 1917), Diesterweg (Novelle, 1918)
  • Heinrich Mann: Die kleine Stadt (Roman, 1909), Der Untertan (Roman, 1918)
  • Else Lasker-Schüler: Meine Wunder (Gedichte, 1911), Die Wupper (Drama, geschrieben 1908, Uraufführung 1919)
  • Ernst Toller: Masse Mensch (Drama, 1919)

Lyrik, Epik und Dramatik

Lyrik, Epik und Dramatik im Expressionismus

Neben allgemeinen Merkmalen der expressionistischen Literatur führen wir hier noch einige besondere Merkmale der unterschiedlichen Gattungen an. Wenn du ein Werk aus der Epoche des Expressionismus analysierst, können dir diese Merkmale dabei helfen, eine gelungene Interpretation zu schreiben und die Symbolik hinter den Texten zu erkennen.

 

 

Lyrik des Expressionismus

Die Lyrik des Expressionismus äußert sich größtenteils in Form von Gedichten. Diese beschäftigen sich nicht mit persönlichen Problemen, sondern mit den gesellschaftlichen Problemen und Beziehungen aller. Der Wunsch nach Frieden, Humanität und Menschenliebe stand im Fokus. Besondere Kennzeichen sind der Reihungsstil (Simultanstil), bei dem kurze Hauptsätze aneinandergereiht werden, die weder logisch noch syntaktisch zusammenhängen (siehe Jakob van Hoddis “Weltuntergang”).

Des Weiteren gibt es viele Metaphern, Neologismen, viele Bewegungsverben (stürzen, sinken, plätschern, spritzen), den Telegrammstil (Ellipsen, einzelne aussagekräftige Wörter), Ironie, Worthäufungen, Tabuthemen (Krebs, Chirurgie, Wahnsinn, Hinrichtung), deformierte oder verdinglichte Menschen, Substantivierungen und die Personifikation von Naturgewalten oder menschlichen Gewalten (Krieg, Großstadt, Masse).

Epik des Expressionismus

Die expressionistische Epik stellt vor allem menschliche Schicksale dar. So kann sehr detaillierte und präzise Gesellschaftskritik geäußert werden. Stilistisch diente die Enumeration (Aufzählung) häufig der prosaischen Darstellung der vielfältigen und brüchigen Welt. Auch die Geräuschkulisse der Stadt wurde oft mithilfe von Aufzählungen wiedergegeben. Die Sprache wurde so gestaltet, dass sie keiner eindeutigen Personengruppe zugeordnet werden konnte.

Die Erzählungen gehören häufig zur Gattung der Groteske. Romane neigen zu drastischen Darstellungen wie Gewalt und Sexualität. Ebenfalls üblich waren der epische Roman oder der essayistische Roman (auch Denkroman oder Mosaikroman), der von gedanklichen Reflexionen lebt. Bekannte Werke expressionistischer Epik sind Alfred Döblins “Ermordung einer Butterblume” (1905), Robert Musils Vereinigungen (1909), Otto Flakes “Die Stadt des Hirns” (1919) oder Franz Werfels “Der Tod des Kleinbürgers” (1927).

Dramatik des Expressionismus

Dramatik des Expressionismus

Das Drama des Expressionismus bot eine wirkungsvolle Veranschaulichung des neuen Menschen. Er konnte anhand von Schauspiel, Musik, Tanz, Pantomime, Lichteffekten und Bühnenbild greifbar gemacht und exemplarisch dargestellt werden. Die Charaktere waren häufig grotesk, um die wirre Seele des Menschen nach außen zu tragen. Individuelle Charakterzüge wurden weniger ausgearbeitet. Meist stand ein junger Mensch im Fokus, dessen Kampf mit seinem Schicksal, der spießigen, engstirnigen Gesellschaft oder seiner Familie in Szene gesetzt wurde.

Eine bekannte Form in der Dramatik ist das Stationendrama. Hier wurden einzelne Szenen lose aneinandergereiht und lediglich durch den Protagonisten miteinander verbunden. Es ist ein offenes Drama und steht im klaren Kontrast zum klassischen, formgebundenen Dramenaufbau.

Vertreter und Werke

Bekannte Vertreter und Werke expressionistischer Literatur sind beispielsweise Gottfried Benns “Gehirne” (Novellen 1916), “Fleisch” (Gesammelte Gedichte 1917) und “Diesterweg” (Novelle 1918). Alfred Döblins bekanntestes Werk ist “Berlin Alexanderplatz” (Roman 1929). Auch Georg Trakl, Heinrich Mann, Ernst Troller und Else Lasker-Schüler gehören zu wichtigen Repräsentanten des expressionistischen Literaturstils. Ernst Tollers “Masse Mensch” (1919) ist ein bekanntes Beispiel für ein typisch expressionistisches Drama.

Im Folgenden findest du das Gedicht “Der Gott der Stadt” von Georg Heym, das Gedicht “Weltende” von Jakob van Hoddis und die Zusammenfassung der Erzählung “Die Verwandlung” von Franz Kafka. Kafkas Werk repräsentiert die Literatur der Moderne und bedient sich nicht aller typisch expressionistischen Mittel. Dennoch wird durch die Thematik der Erzählung sehr gut deutlich, welche gesellschaftlichen Probleme während des Expressionismus verarbeitet wurden.

Franz Kafka “Die Verwandlung” (1912)

Ein bedeutender Autor des Expressionismus: Franz Kafka (1883–1924)

In “Die Verwandlung” geht es um einen jungen Vertreter namens Gregor Samsa, der sich in ein Ungeziefer verwandelt. In dieser unbeweglichen, fremden Hülle, denkt er über die Unzulänglichkeiten seines Daseins nach und fristet den Großteil seiner Zeit in seinem Bett. Seine Eltern und seine Schwester wenden sich von ihm ab, obwohl er die Familie bisher versorgt hat. Nach seiner körperlichen Verwandlung wird er auch geistig zum Tier, verliert seine Menschlichkeit und stirbt einsam.

Zu den expressionistischen Themen der Erzählung gehört unter anderem Gesellschaftskritik durch Hinterfragung der Machtstrukturen innerhalb des Vater-Sohn-Konflikts. Die Ausbeutung durch die Familie und den Arbeitgeber sind ebenfalls Ausdrücke einer typisch expressionistischen Weltsicht. Dazu kommen die schlechten Arbeitsbedingungen des Protagonisten und der verlorengegangene Glaube in den Fortschritt. Kafka arbeitet mit seiner Erzählung zudem biografische Konflikte auf und offenbart vermutlich seine individuelle Sichtweise auf die Welt.

Zusammenfassung:

Teil 1

Gregor Samsa wird von seinem strengen Vater dazu angehalten als Vertreter zu arbeiten, damit er die Familie finanziell unterstützen kann. Zu seiner Familie gehören seine Eltern und seine Schwester Grete. An einem Morgen hören sie seltsame Geräusche aus seinem Zimmer. Sie finden Gregor, der gerade aus dem Schlaf erwacht ist und sich über Nacht in ein “Ungeziefer” verwandelt hat.

Da Gregor sich kaum bewegen kann, verbringt er den Großteil seiner Zeit im Bett und denkt über sein Leben nach. Ihm wird bewusst, dass er nur arbeitet, um die Schulden seines Vaters abzuarbeiten und dass er sein Leben gern selbst in die Hand genommen hätte. Doch die Abhängigkeit seiner Familie machte es ihm unmöglich.

Teil 2

Am selben Tag möchte sich ein Vorgesetzter nach ihm erkundigen, da er nicht zur Arbeit erschienen ist. Der Vater zeigt ihm seinen verwandelten Sohn und jagt ihn dann wieder in sein Zimmer zurück. Es wird deutlich, dass der Vater sich weniger Sorgen um seinen Sohn als mehr um seine Schulden macht. Die gesamte Familie sieht sich nicht in der Lage, zu arbeiten. Hinzu kommt, dass Gregors Menschlichkeit mit der Zeit verblasst und allen klar wird, dass seine Verwandlung endgültig sein würde.

Als Mutter und Schwester sein Zimmer leerräumen wollen, damit er mehr Platz hat, möchte er sein Lieblingsgemälde retten und legt sich darauf. Die Mutter versteht sein Verhalten als Angriff und fällt in Ohnmacht. Die Schwester will ihr mit Medizin helfen und stößt versehentlich eine Flasche vom Regal, die Gregor im Gesicht verletzt. Weitere Verletzungen erleidet er, als der Vater von der Geschichte hört und ihn mit Äpfeln bewirft.

Teil 3

Durch seine unbehandelten Verletzungen verschlechtert sich sein Zustand. Auch seine Schwester Grete vergisst immer wieder, ihm Nahrung zu bringen und das Zimmer zu säubern. Die Familie vermietet nun mehrere Zimmer des Hauses, um Einkommen zu haben. Dadurch ist Gregors Bewegungsfreiheit auf ein Minimum reduziert.

Nachdem er versehentlich Gäste verschreckt hat, beschließt die Familie, ihn loszuwerden. Doch bevor sie das tun konnte, stirbt er in der nächsten Nacht, da ihm kein Lebenswille mehr geblieben ist. Die Familie lässt alles Geschehene hinter sich und spricht nie wieder ein Wort über Gregor.

Georg Heym “Der Gott der Stadt” (1910)

Georg Heym: Der Gott der Stadt (1910)

In Georg Heyms “Der Gott der Stadt” wird besonders gut deutlich wie Farben im Expressionismus als Symbole und Ausdruck von Gefühlen eingesetzt werden. Die Farbe Schwarz wird in direktem und indirektem Zusammenhang in das Gedicht integriert (von uns hervorgehoben). Sie deutet auf die Industrialisierung und den Dreck hin und versinnbildlicht die dunkle Zukunft der Städte. Als direktes Symbol kann die Farbe Schwarz auch für Verfall oder den Tod stehen.

Gedicht:

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.

Jakob van Hoddis “Weltende” (1911)

Der Halleysche Komet sorgte 1910 für Weltuntergangsstimmung

“Weltende” von Jakob van Hoddis wurde als einziges seiner Gedichte berühmt, da es bereits sehr früh den Zeitgeist der heranreifenden Epoche des Expressionismus widerspiegelte. Ein besonderes lyrisches Merkmal dieser Zeit ist der Reihungsstil (Simultanstil). Es werden kurze Hauptsätze aneinandergereiht, die manchmal weder logisch sind noch syntaktisch zusammenhängen.

Auch die Verdinglichung (Depersonalisierung) der Dachdecker, die wie ein Objekt ‘entzwei gehen’, ist typisch für den Expressionismus. Ebenso repräsentativ sind die vielen Verben der Bewegung (fliegen, hallen, stürzen, steigen, hupfen, zerdrücken, fallen). Der Bürger mit dem ‘spitzen Kopf’ ist eine Anspielung auf das Spießbürgertum.

Im gesamten Gedicht wird ein Weltuntergangsszenario geschildert, das heruntergespielt wird und ein Gefühl von Teilnahmslosigkeit vermittelt. Der Dichter verspottet seine Zeitgenossen mit diesem Gedicht, bei denen damals Weltuntergangsstimmung ausgebrochen ist, da sie befürchteten, dass der Halleysche Komet (kommt alle 75,3 Jahre in Erdnähe) auf der Erde einschlägt.

Gedicht: 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

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