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Naturalismus: Definition, 10 Merkmale & 11 Vertreter der Epoche

Die Epoche des Naturalismus erstreckt sich über Literatur, Kunst, Theater und Philosophie. Das Thema der Epoche ist die Aufdeckung sozialer Missstände. Die Wirklichkeit soll dabei so detailliert und ungeschönt wie möglich dargestellt werden. Erfahre bei uns alles zum historischen Hintergrund, den wichtigsten Merkmalen und 40 bedeutenden Werken dieser Zeit.

Im Folgenden findest du wichtige allgemeine Informationen zum Naturalismus, vor allem aber über seine Ausprägungen in der Literatur. Dazu gehören neue sprachliche Techniken, vornehmlich negativ behaftete Themen und ein wissenschaftlicher Schreibstil. Erfahre außerdem welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zu der Kunst gab.

Die Epoche des Naturalismus

Der Naturalismus ist eine Strömung, die sich in der Literatur, dem Theater, der Philosophie und der bildenden Kunst widergespiegelt hat. Ihre Hauptmerkmale sind Naturverbundenheit, wissenschaftliche Detailtreue und Wahrheitsanspruch. Sie dauerte in der Literatur von 1880 bis etwa 1900 an, in der Kunst von 1870 bis 1890. Im Folgenden erfährst du mehr zum historischen Hintergrund und den Unterschieden zwischen Literatur und Kunst.

Der historische Hintergrund des Naturalismus

Industrialisierung und Verstädterung

Vor der Epoche des Naturalismus war ein Naturalist noch ein recht ungebildeter Künstler. Ab dem späten 19. Jahrhundert ist ein Naturalist ein Naturbeobachter mit Expertise. Er bemüht sich, dem Unterprivilegierten, Ungeschliffenen und Hässlichen einen festen Platz in der Kunst zu geben.

Das Ende des 19. Jahrhunderts brachte viele gesellschaftliche Umbrüche mit sich. Die Industrialisierung war unumgänglich, die Verstädterung in stetigem Gang, der Imperialismus breitete sich aus. Zum ersten Mal in der Geschichte lebten mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Doch es gab nicht genug Arbeitsplätze, weil immer mehr Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzten. Darüber hinaus gab es nicht genug Wohnungen für den großen Ansturm der Menschen. Armut, Krankheit und Alkoholismus waren unausweichliche Begleiterscheinungen dieser Veränderungen. Aus dieser elenden Situation heraus entstand die Gegenbewegung des Naturalismus.

Aus wissenschaftlichem Interesse und der Abneigung gegenüber der gesellschaftlichen Umbrüche heraus fühlten sich Naturalisten dazu verpflichtet, auch das Unschöne und Verdrängte darzustellen und in sämtliche Künste zu tragen. Die Interessen der Unterprivilegierten sollten in den Vordergrund rücken und das gesellschaftliche Fortschreiten in eine andere Richtung lenken. In den folgenden zwei Kapiteln führen wir die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Literatur und Kunst im Naturalismus aus.

Prägende Erfindungen dieser Zeit waren die Schallplatte (1887), die Dampfturbine (1884) und der Dieselmotor (1893).

Literatur im Naturalismus

Als einer der literarischen Hauptvertreter des europäischen Naturalismus gilt der französische Schriftsteller Émile Zola. Er entwickelte nicht nur den Sekundenstil (Deckungsgleichheit von erzählter Zeit und Erzählzeit), sondern widmete sich auch der präzisen Beschreibung von Räumlichkeiten, um ein bestimmtes soziales Milieu abzubilden.

Die deutschen Autoren betrachteten sich zu dieser Zeit nicht als Naturalisten, sondern als die junge Generation Deutschlands, die sich gegen Aristokratie und Salonkultur wendet und auf Missstände in der Arbeiterkultur hinweist, die durch Verstädterung und Industrialisierung ausgelöst wurden.

Zum Ende des Naturalismus wird allerdings die Objektivität der Wissenschaft, auf die sich Naturalisten oft berufen, angezweifelt. Der “Moderne” zugeordnete Themen wie die Subjektivität von Zeit und Raum (Einstein), das Unbewusste (Freud) und die Unzulänglichkeit des menschlichen Ausdrucksvermögens (Hofmannsthal) sorgen dafür, dass der Naturalismus seinen Einfluss verliert.

Kunst im Naturalismus

Ein realistischer Stil war Teil der Kunst des Naturalismus

In der Kunst wird Naturalismus häufig auch als Idealismus bezeichnet. Die Strömung hatte ihren Höhepunkt von etwa 1870 bis 1890. Zudem spricht man generell von naturalistischen Tendenzen oder einer naturalistischen Darstellungsweise, wenn ein Künstler bewusst ein nicht idealisiertes Abbild schafft. Die Differenz zwischen Kunst und Natur soll möglichst gering gehalten werden. Es gilt: Je objektiver und realistischer das Kunstwerk, umso besser der Künstler.

Hierbei können Künstler sowohl auf die äußere als auch die innere Natur eines Menschen, einer Landschaft oder einer Situation verweisen, indem diese bildhaft nach außen getragen wird. Hauptvertreter sind Rembrandt, Wilhelm Leibl, Hans Herrmann, Max Liebermann und Co. Auf den Naturalismus folgende Kunstströmungen sind der Impressionismus, Symbolismus und Expressionismus. Sie gehen über die bloße Wirklichkeitsabbildung hinaus und nutzen Techniken der Verfremdung.

Wichtige Merkmale des literarischen Naturalismus

Die Epoche des Naturalismus hat einige prägnante Merkmale, an denen du sie erkennen kannst. Nicht nur, dass sie in der Literatur zeitlich relativ streng eingegrenzt ist (1880–1900), sie hat auch einen bestimmten Schreibstil und bestimmte Themen. Es entstanden Romane, Dramen, Novellen, Lyrik und andere Erzählungen in naturalistischem Stil. Wenn sie dir in der Schule oder Universität begegnen, kannst du sie an den folgenden zehn Merkmalen erkennen.

Zusätzlich haben wir einige Artikel für dich, die dir bei einer Textanalyse für die Schule oder Universität helfen können:

Tipps zu formellen Texten aller Art
Romananalyse
Gedichtanalyse
Novellenanalyse
Sachtextanalyse
Die wichtigsten rhetorischen Mittel
Verbessere deinen Schreibstil
Hausarbeit schreiben
Richtig Korrekturlesen

 

  1. Die Strömung des literarischen Naturalismus bezieht sich auf die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts (streng gefasst 1880–1900).
  2. Für Deutschlands Naturalismus wichtige Impulse gaben unter anderem Tolstoi, Dostojewski, Ibsen, Zola, Turgenew und Strindberg.
  3. Der Naturalismus definiert sich über seine revolutionäre Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse und die ‘Überwindung’ des (künstlerisch verklärenden) Realismus.
  4. Der Charakter und das Schicksal eines Menschen werden in Zusammenhang mit sozialem Milieu, psychischem Erbgut und historischer Zeit betrachtet. Determinismus (gesellschaftliche Vorbestimmung), Rationalität (vernunftgerichtetes Handeln) und Kausalität (Ursache – Wirkung) sind hier wichtige Begriffe.
  5. Durch die verwissenschaftlichte, sachliche Darstellung verzichten Autoren auf Subjektivität und Individualität.
  6. Es wird weniger politisch rebelliert als Mitleid mit sozialen Randgruppen erzeugt, die unter der Anonymität der Großstadt und schlechten Arbeitsbedingungen der Technisierung leiden.
  7. Im sozialen Drama werden detaillierte Anmerkungen und Regieanweisungen gegeben.
  8. Auch in der Lyrik findet eine Revolution statt. Es wird keinem strengen Versmaß mehr gefolgt, sondern auf einen natürlichen Rhythmus gesetzt.
  9. Der Sekundenstil ist ein besonderes Merkmal für den literarischen Naturalismus. Er soll das natürliche Sprechen protokollartig nachahmen, inklusive Sprachfehlern, Dialekten, plötzlichen Ausrufen, unvollständigen Sätzen und Nebengeräuschen. Es soll eine direkte Verbindung zum sozialen Milieu geschaffen werden ohne die Räumlichkeiten detailliert beschreiben zu müssen.
  10. Um das natürliche Sprechen realitätsnah wiederzugeben, nutzen Autoren Umgangssprache: den Dialekt (geografisch bedingte Sprache), Soziolekt (schicht oder -milieuabhängige Sprache), Psycholekt (emotionale und situationsbedingte Sprache) und Idiolekt (individuelle Sprache).

Der Unterschied zwischen Realismus und Naturalismus

Der Unterschied zwischen Realismus und Naturalismus

Die Grundeinstellungen der Realisten und Naturalisten stimmen größtenteils überein. Beide wollen eine ungeschönte Wahrheit vermitteln. In der Art der Darstellung dieser Wahrheit unterscheiden sie sich allerdings. Der Naturalismus kann zudem als eine Art Steigerung des Realismus betrachtet werden.

Anhänger des Realismus fokussieren sich eher darauf, den wahren Kern einer Sache poetisch konzentriert darzustellen. Sie wollen sich klar von der vorangegangenen Epoche der verklärenden Romantik abgrenzen und beziehen sich vor allem auf die künstlerische, deutliche und überspitzte Darstellung von Wirklichkeit. Im Gegensatz zum Naturalismus beziehen sie allerdings 'das Negative' und 'das Hässliche' nicht wirklich mit ein. In der Literatur spielen eine realistisch nachgeahmte Darstellung von menschlichem Geist und Privatleben eine große Rolle.

Anhänger des Naturalismus setzen hingegen auf Naturtreue und naturwissenschaftliche Methoden. Die Zustände von Natur und Städten werden detailliert beschrieben, das Hässliche, Krankheit, Missstände und Armut in Großstädten in ihrem vollen Elend dargestellt. Der Fokus liegt hier insbesondere auf der wissenschaftlichen Darstellung von Natur und der Abwertung vom industriellen Leben in der Stadt.

Vertreter und Werke des Naturalismus

Ein wichtiger Vertreter des Naturalismus: Tolstoi

Einige bekannte Vertreter des Naturalismus haben wir bereits genannt. Hier findest du ihre Werke und viele weitere Autoren, die in dieser besonderen Epoche präsent waren. Neben deutschen Schriftstellern standen auch russische, französische und norwegische Autoren unter dem Einfluss dieser literarischen Strömung.

Nutze die Beispiele, um einen typisch naturalistischen Text schnell zu erkennen, übe Analysen an ihnen oder stärke einfach deine Allgemeinbildung. Je mehr du dich mit naturalistischen Texten vertraut machst, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass du ihn in der Schule und Universität schnell einordnen kannst und eine Analyse mit den typischen sprachlichen und inhaltlichen Merkmalen des Naturalismus dir leichter fällt. Lerne hier, richtig zu lernen. 

  1. Max Bernstein (deutscher Kunst- und Theaterkritiker, 1854–1925)
    Mein neuer Hut – Plauderei in einem Aufzug (Uraufführung München 1881)
    Kleine Geschichten (Erzählungen 1888)
    Blau (Lustspiel 1894)
  2. Hedwig Dohm (deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, 1831–1919)
    Der Seelenretter (Lustspiel, 1876)
    „Werde, die du bist!“ Wie Frauen werden (zwei Novellen, 1894)
    Schicksale einer Seele (Prosa, 1899)
    Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung (gesellschaftspolitische Schrift, 1902)
  3. Fjodor Michailowitsch Dostojewski (russischer Schriftsteller, 1821–1881)
    Schuld und Sühne (Roman, 1866)
    Der Traum eines lächerlichen Menschen (Erzählung, 1877)
    Die Brüder Karamasow (Roman, 1880)
  4. Gerhart Hauptmann (deutscher Dramatiker und Schriftsteller, 1862–1946)
    Bahnwärter Thiel (novellistische Studie, Erzählung, entstanden 1887)
    Die Weber. Schauspiel aus den vierziger Jahren (entstanden 1888–1892)
    Der Apostel (Prosa, entstanden 1890)
    Der arme Heinrich (Drama, entstanden 1897–1902)
  5. Arno Holz (deutscher Dichter und Dramatiker, besaß zusammen mit Johannes Schlaf das Pseudonym “Bjarne P. Holmsen”, 1863–1929)
    Papa Hamlet (aus dreiteiligem Erzählband zusammen mit Johannes Schlaf, 1889)
    Die Familie Selicke (Drama, zusammen mit Johannes Schlaf, 1890)
    Phantasus (Gedichtband, zusammen mit Johannes Schlaf, 1898)
  6. Johannes Schlaf (deutscher Dramatiker, Erzähler und Übersetzer, 1862–1941)
    Junge Leute (Roman, 1890)
    Meister Oelze (Drama, gilt als Musterwerk des Naturalismus, 1892)
    Gertrud (Drama, 1898)
  7. Peter Hille (1854–1904)
    Die Sozialisten (Roman, 1886)
    Des Platonikers Sohn (Erziehungstragödie, 1896)
  8. Konrad Telmann (1854–1897)
    Im Frührot (Roman, 1880)
    Götter und Götzen (Roman, 1884)
    Dunkle Existenzen (Roman, 1886)
    Moderne Ideale (Roman, 1886)
    Aus der Fremde (Lyrik, 1889)
  9. Henrik Ibsen (norwegischer Dramatiker und Lyriker, 1828–1906)
    Gespenster (Familiendrama, Theaterstück, 1881)
    Die Frau vom Meer (Drama, 1888)
    Wenn wir Toten erwachen (Drama, 1899)
  10. Lew Nikolajewitsch Tolstoi (russischer Schriftsteller, 1828–1910)
    Anna Karenina (Roman, 1877)
    Wovon die Menschen leben (Kurzgeschichte, 1881)
    Iwan der Narr (märchenartige, politische Satire, 1886)
    Auferstehung (Roman, 1899)
    Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen (1903)
  11. Émile Zola (französischer Schriftsteller, 1840–1902)
    Die Freude am Leben (Roman, 1884)
    Die Erde (Roman, 1887)
    Die Bestie im Menschen (1890)
    Der Zusammenbruch (1892)

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