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Avantgarde: Definition, 6 Merkmale, Vertreter & Werke der Bewegung

Die Avantgarde ist eine revolutionäre Bewegung des 20. Jahrhunderts, die unser heutiges Verständnis von Literatur, bildender Kunst und Architektur geprägt hat. Sie umfasst die Strömungen Dadaismus, Surrealismus und Futurismus. Wir haben alles Wissenswerte für dich zusammengestellt.

Wie alle wichtigen Epochen und Bewegungen erstreckt sich auch die Avantgarde auf mehrere Bereiche der Kunst. Wir haben uns die Literatur dieser Zeit näher angeschaut, um dir einen Überblick über die wichtigsten Merkmale und Vertreter zu verschaffen.

Avantgarde: Eine rebellische Bewegung

Die Avantgarde ist ein Überbegriff für mehrere Epochen in der Kunst. In der Literatur und der bildenden Kunst haben sich insbesondere Dadaismus, Surrealismus und Futurismus herausgebildet. Wer avantgardistische Ziele hatte, beziehungsweise dem Avantgardismus folgte, wollte Fortschritt und war bereit diesen mit Kampfgeist und Rebellion durchsetzen.

Die Avantgarde war modern, rebellisch und fortschrittlich

Zur Zeit der Avantgarde fanden große Veränderungen statt. Die Künstler suchten sich neue Formen des Ausdrucks, um mit dem alten Kunstverständnis zu brechen. Im Folgenden klären wir alles Wissenswerte zu diesem Thema. Danach findest du die wichtigsten Merkmale, Vertreter und Werke der Literatur.

Definition

Die Avantgarde-Bewegung reichte eng gefasst über den kurzen Zeitraum von 1915 bis 1925. Somit fiel sie in die Zeit des Expressionismus. Sie wird selten als eigene Epoche betrachtet, sondern eher als Überbegriff für drei sehr fortschrittsorientierte Strömungen: Dadaismus (1916–1922), Surrealismus (1920–1933) und Futurismus (1910–1925). Avantgardisten betrachteten sich selbst als Vorreiter, wollten provozieren, alte Regeln brechen und neue Trends setzen.

“Avant-Garde” oder “Avantgarde”

Der Begriff “Avantgarde” ist angelehnt an das französische “avant-garde” und wurde in der Schreibung an das Deutsche angepasst. Er ist ein fester militärischer Begriff und lässt sich mit “Vorhut” übersetzen. Er bezeichnet die erste Angriffslinie einer Armee an der Kriegsfront. Die richtige Schreibweise im Deutschen ist also “Avantgarde”, die französische Schreibweise ist “avant-garde”. Im Englischen hat sich die Schreibweise “avant garde” ohne Bindestrich etabliert.

Was "avantgardistisch" bedeutet

Die Künstler der Avantgarde-Bewegung wurden als Avantgardisten bezeichnet und somit mit den Soldaten an vorderster Front verglichen. Sie kämpften für ein neues Kunstverständnis, forderten Fortschritt und die Befreiung von alten festgefahrenen Traditionen.

Im 20. Jahrhundert bezog sich der Begriff “avantgardistisch” in der Regel auf die Kunst. Avantgarde-Künstler provozierten durch Satire, dekonstruierten und setzten Dinge zusammen, die so in der Welt nicht zu finden waren. Sie wollten der menschlichen Gewohnheit entgegenwirken, kritisierten die gesellschaftlichen Zustände und die Beschränktheit des künstlerischen Verständnisses der Menschen.

Die Bedeutung des Begriffs ist heute immer noch aktuell: Etwas ist avantgardistisch, wenn es fortschrittlich und grenzüberschreitend ist. Vergleichbar sind auch die Begriffe “bahnbrechend”, “revolutionär” oder “progressiv”. Man findet avantgardistische Phänomene sowohl in der Literatur als auch in der Mode, dem Theater, der Musik, der Architektur, der bildenden Kunst und der Politik.

Der Avantgardismus

Die Avantgarde-Bewegung bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die avantgardistische Ziele verfolgt. Der Avantgardismus fasst die Geisteshaltung dieser Menschen in einem Begriff zusammen. Eine Person, die sich dem Avantgardismus verpflichtet fühlt, will voranschreiten und richtet ihren Blick immer in Richtung Zukunft. Avantgardismus bedeutet auch, seine Visionen mit Kampfgeist durchzusetzen und vor allen anderen damit zu beginnen.

Bauhausstil: Das Zuhause der Avantgarde

Der Bauhausstil der Avantgarde

Der Bauhausstil, auch das “Staatliche Bauhaus” oder abgekürzt nur “Bauhaus” genannt, entstand 1919 in Form einer Kunstschule. Sie wurde von Walter Gropius in Weimar gegründet und zeichnete sich durch ein ganz neues Verständnis des Kunsthandwerks aus. Prunk und Schmuck wurden durch Funktionalismus, geometrisches Design und Schlichtheit ersetzt. Zur Zeit der Weimarer Republik, der Neuen Sachlichkeit und der Avantgarde beeinflusste sie maßgeblich Kunst, Architektur und Design.

Der Bauhausstil ist zudem das architektonische Aushängeschild der klassischen Moderne. Er steht in starkem Kontrast zu seinem Vorläufer, dem ausgeschmückten Jugendstil, mit seinen geschwungenen Linien und floralen Elementen. Die Moderne Architektur verzichtet auf herausstechende Details und Verspieltheit. Es werden industriell hergestellte Baustoffe verwendet und es wird in der Regel weiß verputzt.

Außerdem finden sich häufig geometrische Formen des Kubismus der bildenden Kunst. Ein bekannter Kubist ist beispielsweise Pablo Picasso. Im Bauhausstil wurden nicht nur Gebäude entworfen und gebaut, auch Möbel und Innendekoration folgten in den 20er Jahren. Von dort an verbreitete sich der Stil rasant. Die heute größte Ansammlung von Bauhaus-Gebäuden findet sich seit den 1930er Jahren in Tel-Aviv mit über 4.000 Exemplaren.

Avantgarde in der Literatur

Die Avantgarde führte die drei Literaturepochen Dadaismus, Surrealismus und Futurismus zusammen. Sie können als eine extreme Form des Expressionismus betrachtet werden. Der Fokus lag weniger auf der subjektiven Anschauung der Welt als auf der Betonung der künstlerischen Freiheit und dem Brechen der Regeln. Künstler dieser Zeit suchten sich bewusst ungewöhnliche und neuartige Mittel, um neue Kunst zu schaffen.

Ziel war nicht zwangsweise die Selbstverwirklichung des Künstlers, sondern die Dekonstruktion der Welt in ihren vorherrschenden Formen. Die Avantgardisten, insbesondere die Dadaisten, machten sich mit ihren Darstellungen über die von Menschen anerzogene, beschränkte Wahrnehmung der Welt lustig. Sie verachteten ein Kunstverständnis, in dem es Grenzen gibt und versuchten diese zu sprengen.

Dadaismus

Der Dadaismus, auch "Dada" oder "Dada-Bewegung" genannt, reichte von 1916 bis 1922. Woher der Begriff "Dada" stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Es wird allerdings vermutet, dass er vom französischen Kinderwort für "Steckenpferd" kommt. In der Literatur drehte sich Dada viel um Laute und Geräusche. Es geht um die Entfremdung der gewohnten Worte, indem Buchstaben so zusammengesetzt wurden, dass sie keinen Sinn mehr ergeben.

Die Dadaisten wollten also nicht nur mit den alten Konventionen der Literatur brechen, sondern mit der Literatur selbst. Einer der bekanntesten Vertreter ist Hugo Ball. Seine Gedichte wie “Gadji Beri Bimba” (1916) und “Karawane” (1917) sind sogenannte Unsinnsgedichte und sollen den regelkonformen, an Ordnung und Sinn gewöhnten Geist mit Lautmalerei provozieren. Weitere Vertreter sind Hans Arp oder Emmy Hennings.

Surrealismus

Der Surrealismus spielt mit Realität und Phantastischem

Der Surrealismus reichte etwa von 1920 bis 1933. Der Begriff stammt aus dem Französischen und bedeutet “über der Wirklichkeit”. Im Gegensatz zum Dadaismus wollte der Surrealismus nicht nur dekonstruieren, sondern neue Dimensionen in die Literatur integrieren. So wurden Phantastisches und Reales vermischt, um eine neue Wahrnehmung der Welt zu schaffen. Beliebte Motive dieser Zeit sind Träume, Visionen, Wahnvorstellungen und verdrängte Gefühle. Außerdem ist die Epoche stark von Sigmund Freuds Psychoanalyse beeinflusst.

In der Literatur entstand ein neues Stilmittel: Das automatische Schreiben. Es soll vermeiden, dass das Schreiben durch die Vernunft blockiert wird. Der Autor soll sich lediglich von seiner Intuition leiten lassen. Durch diesen neuen Stil wirken surrealistische Texte häufig rätselhaft, unlogisch oder verzerrt. Zu weiteren Stilmitteln gehören die Collage-, Montage und Fragment-Technik.

Futurismus

Der Futurismus reichte etwa von 1910 bis 1925 und hatte seinen Ursprung in Italien. Ihr Begründer war der italienische Schriftsteller und Politiker Filippo Tommaso Marinetti. Wie der Name schon vermuten lässt, war er zukunftsgerichtet und fokussierte sich thematisch auf die Beschleunigung der Gesellschaft, die Verstädterung und Technisierung.

In Deutschland spielte sich der Futurismus hauptsächlich in Berlin ab. Die Autoren verwendeten die futuristische Montagetechnik und den Simultanstil (Reihungsstil), der sich durch das Aneinanderreihen von Eindrücken auszeichnet. So entstanden detaillierte Bilder, die aber nicht zwingend in logischem Zusammenhang zueinander stehen. Bekannt für den Reihungsstil sind Georg Trakl (“Der Gewitterabend”, Gedicht 1910) oder Alfred Döblin (“Berlin Alexanderplatz”, Roman 1929).

6 Merkmale der Avantgarde-Literatur

Die Schriftsteller dieser Zeit waren progressiv. Das heißt sie wollten Fortschritt (lat. progressus), sie preschten vor und sie kämpften für ihre Sache. Viele der Autoren werden außerdem dem Expressionismus zugesprochen, da sich diese Epoche und die Avantgarde zeitlich überschneiden. Dennoch lassen sich avantgardistische Werke klar von expressionistischen trennen, indem sie deutlich radikaler und extremer in ihrer Ausdrucksweise sind. Wenn du einen Blick auf die Vertreter und Werke wirfst, wirst du sehen, was damit gemeint ist.

1. Zeitraum:

  • eng gefasst: 1915 bis 1925
  • weit gefasst: 1910 bis 1933

2. Epochen:

  • Dadaismus (1916–1922)
  • Surrealismus (1920–1933)
  • Futurismus (1910–1925)

3. Gesellschaft:

  • Zeit der großen Veränderungen, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich
  • In Deutschland bestand die Weimarer Republik von 1918 bis 1933 (erste Demokratie)
  • Die Hyperinflation 1923 sorgte für finanzielle Unsicherheit und Armut in Deutschland
  • Die Goldenen 20er Jahre sorgten für Aufschwung (1923–1929)

4. Sprache und Stil:

  • Experimente mit Sprache wurden durchgeführt, sie wurde an ihre Grenzen gebracht (Dadaismus)
  • Simultanstil/ Reihungsstil (Futurismus)
  • Montage-, Collage- und Fragment-Technik (Surrealismus)
  • Automatisches Schreiben (Surrealismus)
  • Parallel entstand die Neue Sachlichkeit (1918–1933) mit einfacher Sprache und objektiven Beschreibungen (Gebrauchsliteratur für alle)

5. Themen und Motive:

  • Unsinn
  • Schein und Sein
  • Traum, Wahn, Psyche
  • Sexualität
  • Gesellschaftskritik, Politik
  • Technik, Fortschritt

6. Gattungen:

  • Lautgedichte (Aneinanderreihung von Silben, bestehen aus Klängen und Geräuschen, zum Beispiel vom Dadaisten Hugo Ball)
  • Buchstabengedicht (die Form steht im Vordergrund, Lyrik aus einzelnen Buchstaben und grafischen Elementen, zum Beispiel vom Dadaisten Raoul Hausmann)
  • Witzgedichte (wie “An Anna Blume” von Kurt Schwitters)
  • Unsinnspoesie (ohne logischen Zusammenhang)
  • Politische Satiren (wie “Hurra! Hurra! Hurra!” von Raoul Hausmann)

Vertreter und Werke der Avantgarde-Literatur

Vertreter und Werke avantgardistischer Literatur

In diesem Kapitel findest du einige der wichtigsten Vertreter und Werke der Avantgarde-Bewegung. Zuerst haben wir das Lautgedicht “Karawane” (1917) von Hugo Ball für dich, das den Dadaismus und seine Methoden veranschaulichen soll.

Danach findest du eine Zusammenfassung des Romans “Nadja” (1928) von dem bekennenden Surrealisten André Breton und zum Schluss die erste Strophe des Gedichts “An das Rennautomobil” (1912) von dem Begründer des Futurismus Filippo Tommaso Marinetti.

Dadaismus: Hugo Balls “Karawane” (1917)

Hugo Ball (1886–1927) war ein deutscher Autor, Biograf und einer der Begründer des Dadaismus. Er ist ein wichtiger Vertreter und Vorreiter, was das Lautgedicht anbelangt. Doch er schrieb nicht nur Gedichte. Zu seinen Werken gehören unter anderem die Tragikomödie “Die Nase des Michelangelo” (1911) oder die Monographie “Zur Kritik der deutschen Intelligenz” (1919).

Karawane

jolifanto bambla ô falli bambla
grossiga m’pfa habla horem
égiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
blago bung
bosso fataka
ü üü ü
schampa wulla wussa ólobo
hej tatta gôrem
eschige zunbada
wulubu ssubudu uluw ssubudu
tumba ba- umf
kusagauma
ba – umf

Surrealismus: André Bretons “Nadja” (1928)

André Breton (1896–1966) war ein französischer Schriftsteller, Dichter und Theoretiker des Surrealismus. Er verband sein ganzes Leben mit dieser Bewegung und dachte viel über sie nach, wie sich in seinem Roman “Nadja” (1928) zeigt. Er handelt von der unerwarteten Begegnung zwischen dem Autor und einer jungen Frau namens Nadja.

André Bretons "Nadja" enthält originale Briefe und Zeichnungen aus Paris

Der Roman basiert auf Bretons Erlebnissen von zehn Tagen im Oktober 1927, in denen er Zeit mit einer Frau namens Léona Delcourt (selbst gewählter Name “Nadja”) verbracht hat. Vier Monate lang erhielt er seither Briefe und Zeichnungen von ihr, die ebenfalls in das Werk mit einflossen. Nadja bittet Breton, ihr ein Buch zu widmen, damit etwas von ihr für die Nachwelt bleibe. Im Folgenden haben wir “Nadja” kurz für dich zusammengefasst.

Die Protagonistin Nadja scheint nicht in der Realität zu leben. Weder ihr Name ist echt, noch verfolgt sie ein Ziel, wenn sie durch die Straßen von Paris läuft. Sie gab sich ihren Namen selbst, da er der Anfang des russischen Wortes für “Hoffnung” ist. Der Autor ist völlig fasziniert von ihr und beschreibt sie als Symbol des Surrealismus. Zunächst verkörpert sie in seinen Augen die Liebe, die zur verrückten Liebe zu werden droht. Sie verherrlicht das Leben und scheint ein übernatürliches Wesen sowie seherische Fähigkeiten zu haben.

Doch obwohl Nadja ein Symbol der Liebe ist, ist sie einsam und gesteht, sich bereits einige Male prostituiert zu haben. So wird aus der zauberhaften Kreatur durch die Kraft der Realität eine psychisch Kranke, die keine Visionen, sondern Halluzinationen hat. Sie gerät in eine psychiatrische Anstalt und wird so zum Gegenteil von dem, was ihre Namensgebung bewirken sollte. Ihre gesamte übernatürliche Erscheinung und Schönheit scheinen hinfällig zu werden, sobald sie von der Realität eingeholt wurden.

Breton versucht objektive Distanz in seiner beobachtenden Erzählerrolle zu bewahren, um nicht selbst dem Wahnsinn zu verfallen, in den Nadja ihn hineinzuziehen versucht. Dennoch übt er offen Kritik an der Psychiatrie.

Futurismus: Marinettis “An das Rennautomobil” (1912)

Filippo Tommaso Marinetti (1876–1944) war ein italienischer Autor, faschistischer Politiker und gilt durch das “Futuristische Manifest” als Begründer des Futurismus. Er gründete die futuristische politische Partei und verfasste 1918 ihr Manifest. Zu seinem Parteiprogramm gehörten viele Ansätze, die Künstler begünstigen sollten und einige moderne Auffassungen, jedoch verherrlichte er auch Gewalt, rücksichtsloses Verhalten und den Krieg, um dieses Ziel zu erreichen.

Marinetti war von technischem Fortschritt hellauf begeistert und hatte insbesondere den Anstieg der Geschwindigkeit durch Autos, Züge und Flugzeuge für sich entdeckt. Diese Faszination spiegelt sich auch in seinem Gedicht “An das Rennautomobil” (1912) wider, von dem du im Folgenden die erste Strophe von insgesamt sechs findest.

An das Rennautomobil (1. Strophe)

Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstet stampft, in scharfen Zähnen das Gebiß!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiedefeueräugig,
mit Flammen und mit Ölen aufgenährt,
nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute,
des Herzens teuflisches Töff-Töff befrei ich dir
und deine riesigen Pneumatiks
zum Tanze auf der Erde Straßen.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit!…

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