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Gedichtanalyse schreiben: Struktur, Beispiele und die besten Tipps

Lyrik zeichnet sich dadurch aus, dass die Sprache darin anhand verschiedenster Kunstmittel andersartig geformt ist als Alltagssprache. In der Gedichtanalyse gilt es, diese formalen Merkmale zu finden und zu beschreiben. Darüber hinaus kann man sich durch die Analyse der sprachlichen Mittel einer möglichen Aussage des Gedichts annähern. Die „einzig richtige“ Bedeutung muss es nicht geben. Doch solange du in der Gedichtsanalyse deine Interpretation am Text belegen kannst, bist du auf der sicheren Seite.

Die Analyse kann der folgenden Form entsprechen. Falls dir in deiner Lehrveranstaltung eine andere vorgegeben wurde, halte dich an diese.

Folgendes Gedicht dient uns als Analysebeispiel. Auf das Gedicht bezogene Fallbeispiele sind im folgenden Text kursiv gehalten.

Sie hängen sie an die Leiste,
die Teppiche klein und groß,
sie hauen, sie hauen im Geiste
auf ihre Herrschaft los.

Mit einem wilden Behagen,
mit wahrer Berserkerwut,
für eine Woche voll Plagen
kühlen sie sich den Mut.

Sie hauen mit splitternden Rohren
im infernalischen Takt.
Die vorderhäuslichen Ohren
nehmen davon nicht Akt.

Doch hinten jammern, zerrissen
im Tiefsten, von Hieb und Stoß,
die Läufer, die Perserkissen
und die dicken deutschen Plumeaus.

Mägde am Sonnabend (Christian Morgenstern)

Vorbereitung zur Gedichtsanalyse

Vor der Gedichtsanalyse steht mehrmaliges aktives Lesen

Lerne das Gedicht vor der Gedichtsanalyse zunächst gut kennen, indem du es mehrfach liest. Nummeriere die Zeilen. Schreibe dir die Bedeutungen unbekannter Wörter heraus – historische Wörterbücher stehen in Bibliotheken, es gibt aber auch entsprechende Online-Angebote, die von Universitäten betrieben werden. Hier sind auch Konnotationen zu finden, die das Wort mitunter zu verschiedenen Zeiten hatte. Notiere dir erste Eindrücke beim Lesen.

Erst dann geht es an die systematische Analyse, die in Einleitung, Hauptteil und Schluss unterteilt ist.

Einleitung der Gedichtsanalyse

Prüfen des Paratext

Der Paratext ist alles, was das Gedicht direkt umgibt, aber nicht Teil davon ist. Gibt es einen expliziten Hinweis auf die Art des Gedichts, als Überschrift, als Genrebezeichnung der Sammlung, dem das Gedicht angehört oder aufgrund formaler Merkmale des Aufbaus? Schaue dir dafür typische Gedichtformen an und vergleiche das vorliegende damit.

Benenne und begründe in deiner Gedichtsanalyse eventuelle Übereinstimmungen mit einer dieser Formen. Wird vielleicht absichtlich mit der zugrundeliegenden typischen Form gespielt und darauf aufbauend davon abgewichen? Diese Informationen gehören in die Einleitung, zusammen mit Autornamen, Titel, Thematik, Entstehungsdatum und –Ort, sowie die Zuordnung in eine Epoche. Wird das Gedicht in der ersten Person gesprochen, handelt es sich hierbei um das Lyrische Ich.

Das Gedicht „Mägde am Sonnabend“ von Christian Morgenstern (1871-1914 ) wurde als Teil des 1932 postum veröffentlichten Gedichtbandes „Alle Galgenlieder“ herausgegeben. Hier wurde es den „Zeitgedichte(n)“ zugeordnet. Im Rahmen anderer Veröffentlichungen wurde es auch „Berliner Mägde am Sonnabend“ genannt. Literaturgeschichtlich wird Morgenstern in die „Lyrik um 1900“ eingeordnet. Hier ist er eher eine außenstehende Figur in Relation zu den Lyrikern des Impressionismus.

Beachte und beschreibe, ob es Hinweise im Gedicht auf die raumzeitlichen Koordinaten gibt, in der das Gedicht geäußert wird. Das können Hinweise auf die Umgebung sein, aber auch Verweise auf etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist.

Durch den Titel „(Berliner) Mägde am Sonnabend“ erlangt der Leser schon einmal zwei pragmatische Indikationen. Dass sich die Szene der Mägde am Sonnabend in Berlin abspielen soll, wie der manches Mal modifizierte Titel besagt, unterstreicht die örtliche Aufteilung des im Gedicht repräsentierten Geschehnisses aufgrund der häufig auftretenden Berliner Häuserblockaufteilung in Vorderhaus und Hinterhof.

Aufstellung einer Interpretationshypothese

Überdies kannst du noch eine allgemeine Interpretationshypothese aufstellen: Was sagt das Gedicht deines Erachtens aus? Diese kannst du im Interpretationsteil bestätigen oder widerlegen und im Schluss explizit darauf zurückkommen.

In dem Gedicht werden zwei Gesellschaftsschichten einander gegenübergestellt. Hierzu verwendet Morgenstern die Arbeit von Mägden, die die Hausarbeit für höher gestellte Familien erledigen. Die Grobheit, mit der die Mägde im Hof des Hauses die Arbeit erledigen, erinnert an die Gewalt im Klassenkampf der Französischen Revolution. Diese wird jedoch ins Lächerliche gezogen, da die „revolutionäre Energie“ beim Schlagen der Teppiche „abkühlt“ und es somit nicht zur aktenrelevanten Tat kommt. Problematisiert wird trotzdem die Ausdifferenzierung von Proletariat und Bürgertum in den Städten in der Folge der Industrialisierung und Urbanisierung.

Hauptteil der Gedichtsanalyse

1. Formale Analyse

Beschreibe zunächst die allgemeine Form des Gedichts. Ist es in Strophen eingeteilt? Wenn ja, wie viele Verse haben diese?

Das Gedicht „Mägde am Sonnabend“ besteht aus vier Strophen, die sich aus vier Zeilen zusammensetzen.

2. Lautliche Ebene

Reimschema

Beobachte die Klangstruktur: Sind am Ende der Zeilen Endreime zu finden? Befinden sich innerhalb einer Zeile sogenannte Binnenreime? Stellen sie im Hinblick auf die Strophe oder das gesamte Gedicht ein regelmäßiges Reimschema dar? Um das herauszufinden, hilft es, den verschiedenen Endreimen einen Buchstaben zuzuweisen.

Sie hängen sie an die Leiste, A
die Teppiche klein und groß, B
sie hauen, sie hauen im Geiste A
auf ihre Herrschaft los. B

Mit einem wilden Behagen, C
mit wahrer Berserkerwut, D
für eine Woche voll Plagen C
kühlen sie sich den Mut. D

In unserem Gedicht bilden die Verse das Reimschema ABAB, CDCD, EFEF, GHGH. Damit handelt es sich bei jeder Strophe um einen Kreuzreim.

Assonanzen heißen parallele Klangfolgen beispielsweise am Anfang und am Ende einer Zeile, aber auch am Ende von Zeilen. Bei Morgenstern besteht eine Assonanz zwischen Zeile 13 und 14: In „zerrissen im Tiefsten“ wiederholen sich i und e in den beiden letzten Silben des ersten und letzten Wortes.
Auch die Alliteration, der Gleichklang am Beginn von Wörtern, ist ein Mittel, dessen sich ein Dichter bedienen kann, um die Klangstruktur zu gestalten.

In Strophe zwei von „Mägde am Sonnabend“ fallen zwei Alliterationen auf, die zwei Verse miteinander verbinden: In „wilden Behagen“ und „wahrer Berserkerwut“ beginnen Adjektive und Substantive jeweils mit dem gleichen Buchstaben. Dieser syntaktische Parallelismus, der lautlich verstärkt wird, markiert jedoch ein Vertauschen der Adjektive und Subjekte: Wilde Berserkerwut und wahres Behagen könnte man eher zusammenfügen, da sie einmal das Merkmal „animalisch“ gemein haben, letzterer Ausdruck die Merkmale „zivilisiert, tugendhaft“ als Verbindung hat.

Eine direkte Alliteration finden wir in der letzten Zeile: „dicken deutschen Plumeaus“. Damit wird die Adjektivkombination „dicken deutschen“ miteinander verbunden und etwas von dem Subjekt „Plumeaus“ losgelöst, das sie eigentlich spezifizieren. Damit wird noch einmal verdeutlicht, dass die Haushaltstextilien für die möglicherweise ebenso wohlgenährten „Herrschaften“ stehen, auf die die Mägde wütend sind.

Rhythmusstruktur

Der Rhythmus besagt, wie die Betonungen innerhalb eines Gedichts verteilt sind.
Betonte (Hebungen genannt, notiert als ´x oder als kleiner Bogen, ähnlich einem „u“ ) und unbetonte Silben (Senkungen, notiert als x oder _ ) wechseln sich ab. Dies nennt man Versmaß oder Metrum. Stelle den Rhythmus fest, indem du das Gedicht laut vorliest. In der Tradition der Lyrik gibt es Formen, die sich durch bestimmte rhythmische Merkmale auszeichnen. Sie können konsequent angewendet oder freier interpretiert werden. Die Enden der Verse werden „Kadenzen“ genannt. Weibliche Kadenzen enden auf einer unbetonten Silbe, männliche auf einer betonten.

Mache durch die oben beschriebene Notation das Versmaß für dich sichtbar. Wenn es Übereinstimmungen mit klassischen Versmaßen gibt, benenne diese in deiner Gedichtsanalyse.

Stelle fest, ob mit den (Binnen-)Reimen, Kadenzen, Strophenanfängen und Enden sowie übereinstimmende Metren auch gleiche Bedeutungen einhergehen.

Das Gedicht von Morgenstern hat aufgrund der vierzeiligen Strophen mit sich abwechselnden weiblichen und männlichen Kadenzen am Versende die Gestalt eines Volksliedes. Es handelt sich um dreihebige Verse, die bis auf drei Zeilen (8, 12 und 16) mit Jamben beginnen. Damit unterstützt die volkstümliche Form die rustikale Herkunft und rhythmische Art der Mägde, mit der sie die feinen Heimtextilien „pflegen“.

3. Syntaktische Ebene

Metrik und Syntax können zusammenspielen oder einander entgegenwirken. Rhythmus kann auch durch eine Reihe ähnlich beginnender Sätze entstehen.

In „Mägde am Sonnabend“ finden wir syntaktisch gleichgebaute Verse in der ersten Strophe: Die Satzanfänge „Sie hängen“ (1) und „sie hauen“ (3), letzterer nach dem Komma sogar wiederholt auftretend, lassen die Mägde mehrmals als aktive Subjekte auftreten. Währenddessen sind „Teppiche“ und „Herrschaften“ in den Zeilen drei und vier erleidende Objekte.

Außerdem gibt es rhetorische Figuren, die auf Satzebene agieren.

Zu Beginn der zwei ersten Zeilen von Strophe zwei finden wir das Wort „mit“. Diese Parallele unterstützt die bereits oben erwähnten Konstruktionen „wilden Behagen“ und „wahrer Berserkerwut“.

4. Bedeutungsebene / Semantische Ebene

Beschreibe die Gesamthandlung. Handelt es sich bei den Wörtern um abstrakte Begriffe oder werden konkrete Dinge benannt? Werden durch die Wörter Sinneseindrücke vermittelt?

Am Sonnabend klopfen die Mägde Teppiche und Bettzeug im Hinterhof der Haushalte aus, bei deren Besitzer sie angestellt sind. Den Verdruss über die „Plagen“ der Arbeit lassen sie an den Heimtextilien aus. Ihren Unmut übermitteln sie aber nicht an ihre „Herrschaft“, noch bemerken die etwas davon. Die Leidtragenden sind am Ende lediglich Kissen und Läufer.

Was bezeichnen die Wörter (Denotation) und welche Konnotationen schwingen mit? Hier könnte man auch noch die zu Anfang nachgeschlagenen Wörter und ihre verschiedenen Bedeutungen anführen.

Isotopie-Ebenen suchen

Mit dieser Vorgehensweise kannst du verschiedene Bedeutungsebenen in Gedichten feststellen. Wird durchgehend ein bestimmtes Merkmal durch die Worte im Gedicht aktiviert, bildet sich dadurch eine homogene Isotopie-Ebene, die durch ein dominant gesetztes semantisches Merkmal wie eine Überschrift (Klassem) tituliert werden kann. Es können sich auch zwei gegensätzliche Ebenen bilden.
Um eine Isotopie-Ebene festzustellen, kannst du die Wörter, die einem bestimmten Klassem zugehören, in einer Farbe markieren. Fällt dir ein anderes auf, markiere es mit einem anderen Stift. So kannst du feststellen, wie sich die Isotopien über das Gedicht verteilen. Wenn Wörter verschiedenen Isotopien gleichzeitig zugeordnet werden können, entsteht Mehrdeutigkeit.

Bei Morgenstern sind gegensätzliche Klasseme „menschlich“ (klein und groß, Herrschaft, Ohren, jammern, im Tiefsten, Perser-, dick, deutsch) und „gegenständlich“ (Teppiche, vorderhäuslich, Läufer, zerrissen, -Kissen, Plumeaus). Das häufige Zusammenfügen dieser unterschiedlich konnotierten Worte (Teppiche klein und groß; zerrissen im Tiefsten; Perser-kissen; dicken deutschen Plumeaus) erzeugt die Personifikation der Gegenstände.

Als dominante Opposition könnte aber Behagen / Berserkerwut gesehen werden, denn diese Wörter werden durch einige formale Mittel hervorgehoben. Ihnen können auch jeweils die mit „Gewalt“ und mit „häuslicher Gemütlichkeit“ assoziierbaren zwei Gesellschaftsschichten Arbeiter versus Bürgertum gleichgestellt werden, die sich durch das ganze Gedicht zieht. Mit „Gewalt“ konnotierte Wörter sind: Hängen, hauen (2x), wild, Mut, splitternd, Rohren, infernalischen, Takt, jammern, zerrissen, Hieb, Stoß. Unter häuslicher Gemütlichkeit sind auch die unter „gegenständlich“ weiter oben erwähnten Worte zu fassen.

Auf der Bedeutungsebene des Gedichts sind auch die rhetorischen Figuren angesiedelt. Versuche für deine Gedichtsanalyse herauszufinden, ob du Figurenarten erkennen kannst.

Der Ausdruck „vorderhäusliche Ohren“ ist eine Metonymie, denn anstatt der eigentlich gemeinten Personen werden ihre Ohren benannt sowie der Wohnort der bürgerlichen Familien, das Vorderhaus.

Stilistisch differiert der Ausdruck „Akt nehmen“ in Zeile zwölf mit dem Rest des Gedichts. Während es hier um den privaten Bereich einer Familie und deren Hausangestellten geht, wird durch die „Akten“ eine behördliche Konnotation eingefügt. Gemeinsam mit der rechtlichen Dimension des Wortes „Mut“ im Sinne von Mutwille und im Kontexte der Aggressionen, die an den Haushaltsgegenständen ausgelebt wird, wird auch die drohende Bestrafung im Fall dessen angesprochen, dass die Gewalt ausbrechen würde.

Schluss / Fazit der Gedichtsanalyse

Zum Schluss deiner Gedichtanalyse greifst du noch einmal deine Analysehypothese auf und begründest oder widerlegst sie anhand der von dir bearbeiteten Unterpunkte oder Ebenen. Dabei fasst du noch einmal kurz zusammen, was du im Hauptteil herausgefunden hast.

Durch verschiedene formale und semantische Mittel spitzt Morgenstern die Reibung zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse zu. Durch die Kulmination des Leids der Kissen und Läufer in der letzten Strophe weist er auf die erst kürzlich entstandene Vorrangstellung des Bürgertums gegenüber der Arbeiterklasse hervor: Würde das materielle Wohlergehen des Bürgertums nicht bestehen, gäbe es zwischen ihnen und ihren Angestellten keinen Unterschied.

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