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Sonett: 6 Merkmale, Analyse & 3 Beispiele zur Gedichtform

Das Sonett ist eine bekannte und beliebte Gedichtform, die sich durch eine besondere Anordnung der Strophen und ein bestimmtes Reimschema auszeichnet. Wir verraten dir die wichtigsten Begriffe, die du in der Lyrik kennen solltest, haben sechs Merkmale des Sonetts für dich zusammengefasst und helfen dir mit Beispielen und einer Gedichtanalyse.

Das Sonett entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Italien. Dort wurde es vor allem durch Francesco Petrarca (1304–1374) bekannt. Andere bekannte Vertreter sind William Shakespeare (1564–1616) aus England und Andreas Gryphius (1616–1664) aus Deutschland.

Im Lauf der Zeit verfassten auch weitere namhafte Literaten wie Goethe, Heine, Trakl, Rilke und Hofmannsthal zahlreiche Sonette. Sie sind nach wie vor Teil des Schulunterrichts und begegnen dir auch in literaturwissenschaftlichen Studiengängen. Wir führen dich kurz in die Grundlagen der Lyrik ein und verraten dir alles Wissenswerte über das Sonett.

Grundlagen der Lyrik

Die Grundlagen der Lyrik

Die Lyrik ist eine der drei übergeordneten Gattungen der Literatur. Neben ihr gibt es noch die Epik und die Dramatik. Untergattungen der Lyrik sind zum Beispiel Gedichte und Lieder – also melodisch gestaltete Textformen. Untergattungen der Gedichte, also sogenannte Gedichtformen, sind zum Beispiel das Sonett, die Ballade, die Ode oder das Epigramm.

Was ein Vers ist

Der Vers ist im Gedicht, was die Zeile in einem Prosatext ist. Ein Vers besteht also aus einer bestimmten Wortfolge, die sich üblicherweise innerhalb einer Zeile befindet. Der Fachbegriff für eine Gedichtanalyse sollte jedoch in der Regel “Vers” sein und nicht "Zeile". Manchmal wird auch von einer Verszeile gesprochen.

Was eine Strophe ist

Ein Gedicht besteht immer aus mindestens einer, meist aber aus mehreren Strophen. Diese Strophen bestehen aus mehreren Versen und heben sich durch Absätze von den anderen Strophen ab. Es gibt verschiedene Strophenformen, die eigene Bezeichnungen haben. Ein Sonett besteht zum Beispiel aus zwei Quartetten (Vierzeilern) und zwei Terzetten (Dreizeilern). Weitere Strophenformen sind:

  1. Einzeiler: Monostichon
  2. Zweizeiler: Couplet, Distichon
  3. Dreizeiler: Terzett, Tristichon
  4. Vierzeiler: Quartett, Tetrastichon
  5. Fünfzeiler: Quintett
  6. Sechszeiler: Sextett
  7. Siebenzeiler: Septett
  8. Achtzeiler: Oktett
  9. Neunzeiler: Neunzeiler
  10. Zehnzeiler: Dekastichon

Die Kadenz im Gedicht

Die Kadenz bezeichnet das Ende des Verses in einem Gedicht oder einem anderen lyrischen Text. Sie kann entweder betont oder unbetont sein und beeinflusst die Lesart, indem sie sich auf Rhythmus und die Wirkung des Werks auswirkt. Es gibt eine weibliche, eine männliche und eine reiche Kadenz, wobei letztere eher selten ist.

Eine männliche oder stumpfe Kadenz zeichnet sich dadurch aus, dass der Vers auf eine betonte Silbe endet (x-X). Die weibliche Kadenz bezeichnet eine unbetonte letzte Silbe im Vers (X-x). Die reiche Kadenz endet auf mehrere unbetonte Silben (X-x-x). Ein praktisches Beispiel findest du in unserer Gedichtanalyse.

Unterschied zu Dichtung, Poetik und Poesie

Der Unterschied zwischen Dichtung, Poetik und Poesie

Der Begriff “Lyrik” wird erst seit dem 18. Jahrhundert als Ordnungsbegriff für lyrische Poesie verwendet. Ein Jahrhundert später werden die Begriffe “Poesie” oder “Dichtung” häufig synonym verwendet. Vorher galt alles als “Dichtung”, das schriftlich verfasst wurde. Heute werden damit nur noch poetische Texte bezeichnet.

Poesie stand früher noch über Lyrik, Epik und Dramatik. Heute bezeichnet “Poesie” oder “poetisch” eine bestimmte qualitative Wirkung und die dichterische Ausdruckskraft. Musik kann beispielsweise wie Poesie, also wie gedichtet sein. Selbst ein Mensch kann mit Poesie verglichen werden, wenn seine Eigenschaften den wohldurchdachten und beseelten Versen eines Gedichts ähneln.

Poetik bezeichnet hingegen die Lehre der Dichtkunst. Sie befasst sich in der Theorie mit dem Wesen und der Wirkung der Dichtung. Die Poetik wird hin und wieder mit der Poesie verwechselt, da das Adjektiv “poetisch” für Verwirrung sorgt. “Poetisch” gehört zum Bereich der Poesie. Das zugehörige Adjektiv für die “Poetik” ist “poetologisch”.

Aufbau einer Gedichtanalyse

Wie Romananalysen, Sachtextanalysen oder Novellenanalysen bestehen auch Gedichtanalysen aus etwas Vorbereitung, einer Einleitung, einem Hauptteil und dem Schluss. Wir haben dir zu jedem Punkt kurz erklärt, was zu tun ist und veranschaulichen in unserer Beispielanalyse zu Goethes “Natur und Kunst” wie die Analyse in der Praxis aussehen kann. Eine ausführliche Beschreibung einer Gedichtanalyse findest du hier.

1. Vorbereitung

  • Mehrfaches Lesen des Gedichts
  • Reimschema markieren
  • Rhetorische Mittel und Motive markieren oder herausschreiben
  • Erfasse das Hauptthema des Gedichts

2. Einleitung

  • Einleitungssatz: Textsorte, Titel, Autor, Erscheinungsjahr und -ort, Hauptthema
  • Falls relevant für deine Interpretation: Nennung der Epoche

3. Hauptteil

  • Thesen oder Fragen aufstellen (passend zur Aufgabenstellung)
  • Beschreibe Reimschema und Versmaß
  • Textform, Gliederung, Sprache und rhetorische Mittel zur Argumentation nutzen
  • Beispiele mit einem Textbeleg versehen (Tipps zum Zitieren)

4. Schluss

  • Ergebnisse deiner Interpretation zusammenfassen
  • Fazit zur Epoche ziehen (geschichtlichen Kontext reflektieren)
  • Intention des Autors verdeutlichen
  • Schlusssatz (gegebenenfalls mit Bezug zur Relevanz in der heutigen Zeit)

Das Sonett: 6 Merkmale

Merkmale des Sonetts

Der Begriff “Sonett” stammt aus dem Lateinischen und kommt von dem Verb “sonare”, was so viel wie “ertönen” bedeutet. Die rhythmischen Einheiten Reimschema und Versmaß haben bei dieser Gedichtform eine hohe Bedeutung, weshalb es häufig auch “Klanggedicht” genannt wird.

Das Sonett besteht aus 14 Zeilen, beziehungsweise Versen, die sich in der Regel in zwei Quartette (Vierzeiler) und zwei Terzette (Dreizeiler) gliedern. Eine Ausnahme bildet das englische Sonett mit drei Quartetten und einem Couplet (Zweizeiler).

Eine besondere Eigenschaft des Sonetts ist die abwechselnde Hebung und Senkung im Versmaß mit dem Jambus. Hier gibt es wieder Unterschiede, ob es sich um ein Gedicht nach italienischem Vorbild, aus dem Barock oder um ein englisches Sonett handelt. Auf das Reimschema, das Versmaß und die Thematik eines Sonetts sowie Unterschiede zwischen den verschiedenen Sonett-Typen gehen wir in den folgenden Kapiteln näher ein.

Das Reimschema im Sonett

Das Reimschema im Sonett ist im Quartett meist ein umarmender Reim (abba, abba). Im Terzett hingegen findet sich entweder ein Schweifreim (ccd, eed), ein Paarreim (cdc, dcd) oder ein verschränkter Reim (cde, cde). Das sieht dann zum Beispiel wie folgt aus:

  • 1. Strophe: abba
  • 2. Strophe: abba
  • 3. Strophe: cde
  • 4. Strophe: cde

Jeder neue Buchstabe steht für einen neuen Reim und einen neuen Vers. Damit du die Reimschemata richtig mit Namen zuordnen kannst, haben wir alle bekannten im Folgenden für dich zusammengestellt. In der Analyse findest du später beispielhaft ein Sonett von Johann Wolfgang von Goethe, um das Reimschema eines Sonetts zu veranschaulichen. Diese Reimschemata gibt es:

  • Paarreim: abab
  • Kreuzreim: abab
  • Umarmender Reim: abba
  • Schweifreim: aa b cc b
  • Verschränkter Reim: abcabc
  • Haufenreim: aaaa
  • Kettenreim: aba bcb cdc

Das Versmaß (Metrum) im Sonett

Das Metrum im Sonett

Das Versmaß (Metrum) bezeichnet den Rhythmus eines Gedichts und ist im Sonett in der Regel der fünfhebige Jambus. Bei 14 Zeilen bedeutet das, es besteht aus 14 fünfhebigen Jamben. Der Jambus zeichnet sich durch die Betonung einer unbetonten und dann einer betonten Silbe aus (x-X). Ein Vers im Sonett würde also so aussehen: x-X-x-X-x-X-x-X-x-X. Wir sehen hier fünfmal das große X, also fünfmal eine betonte Silbe. Die Verse bestehen entweder aus elf oder zwölf Silben.

Thematik im Sonett

Die Quartette und Terzette im Sonett verdeutlichen nicht nur optisch einen Bruch. Sie weisen meist auch auf thematische Unterschiede innerhalb des Gedichts hin. Im Idealfall behandelt das Sonett in der ersten Strophe ein bestimmtes Thema, einen Gedanken oder eine Aussage. Es wird quasi eine These aufgestellt. Diese These wird in der zweiten Strophe dann einer Antithese gegenübergestellt, um in den beiden Terzetten dann das Ergebnis dieser Gegenüberstellung darzulegen. Diese Aussage zum Schluss nennt sich dann Synthese.

Das italienische Sonett

Die italienische Originalform des Sonetts besteht aus 14 Zeilen, zwei Quartetten und zwei Terzetten. Die Verse bestehen jeweils aus elf Silben (Elfsilber). Hierin unterscheidet sich das italienische Sonett zu denen des Barock oder der Klassik, in dem öfter auch zwölf Silben vorkommen. Die Kadenz des italienischen Sonetts ist meist weiblich, wohingegen Zwölfsilber häufig auch eine männliche Kadenz aufweisen.

Barock-Merkmale im Sonett

Im Barock hat sich im Unterschied zum italienischen, ursprünglichen Sonett, eine Besonderheit herausgebildet. Das Versmaß hat sich verändert und besteht nun anstatt aus einem fünfhebigen, aus einem sechshebigen Jambus. Der sechshebige Jambus wird auch Alexandriner genannt und ist ein prägnantes Merkmal der Barocken Lyrik.

Er zeichnet sich durch eine Zäsur in der Mitte aus, also einen festgelegten Einschnitt, der sich in der Mitte des Verses durch eine Sprechpause bemerkbar macht. Diese Pause kann entweder durch den Satzbau, ein Satzzeichen oder einen metrischen Einschnitt gekennzeichnet sein.

Andreas Gryphius ist einer der bekanntesten Sonett-Dichter des Barocks in Deutschland. Seine populärsten Gedichte sind “Tränen des Vaterlandes” (1637) und “Es ist alles eitel” (1637). Er verarbeitete in seinen Gedichten die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, widmete sich also epochentypisch dem Vanitas-Motiv.

Das Shakespearean Sonnet

Das Sonett nach William Shakespeare

Das englische Sonett (engl. ‘Sonnet’) wurde im 16. Jahrhundert in erster Linie durch William Shakespeare bekannt. Aus diesem Grund wird es häufig Shakespearean Sonnet genannt. Es unterscheidet sich vom italienischen Sonett und auch vom Sonett des Barocks, indem es seine Form änderte.

Anstatt zwei Quartetten besitzt das englische Sonett drei Quartette und anstatt zwei Terzetten zwei Couplets (Zweizeiler), auf Englisch ‘heroic couplets’ genannt. Inhaltlich ähnelt der Aufbau des englischen Sonetts hingegen den anderen Sonettformen. In den ersten beiden Quartetten wird eine These aufgestellt, im dritten Quartett steht ihr eine Antithese gegenüber und es erfolgt eine sinnspruchartige Synthese im Couplet.

Beispiel-Analyse von Goethes Sonett “Natur und Kunst”

Das folgende Beispiel einer Analyse soll dir dabei helfen, eine Gedichtanalyse für ein Sonett zu schreiben. Im Prinzip gelten die gleichen Regeln wie für jede andere Lyrikanalyse. Allerdings kannst du die typischen Eigenschaften des Sonetts wie die Zäsur oder die besondere Anordnung der Strophen für deine Interpretation und Argumentation nutzen. Als Beispielgedicht haben wir “Natur und Kunst” (1800) von Johann Wolfgang von Goethe ausgewählt.

Vorbereitung

Zur Vorbereitung deiner Analyse gehört das mehrmalige Lesen des Sonetts. Am besten druckst du es auch und markierst, was dir auffällt. Außerdem kannst du so direkt das Reimschema erfassen, indem du Buchstaben (a, b, c, d, e…) neben die Verse schreibst. Für jeden neuen Reim verwendest du einen neuen Buchstaben.

Hebe auch rhetorische Mittel farblich hervor oder schreibe sie dir direkt neben die Zeile, in der du sie gefunden hast. Am besten benennst du sie sofort. Hier findest du die 30 wichtigsten rhetorischen Mittel, die du kennen solltest. Erfasse außerdem das Hauptthema des Gedichts, damit du es in deinen Einleitungssatz einfügen kannst.

Johann Wolfgang von Goethe – Natur und Kunst (1800)

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen (a)
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden; (b)
Der Widerwille ist auch mir verschwunden, (b)
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. (a)

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! (a)
Und wenn wir erst, in abgemessnen Stunden, (b)
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, (b)
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. (a)

So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen. (c)
Vergebens werden ungebundne Geister (d)
Nach der Vollendung reiner Höhe streben. (e)

Wer Großes will, muss sich zusammenraffen. (c)
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, (d)
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. (e)

Einleitung

Gedichtanalyse von Goethes "Natur und Kunst"

Der erste Satz deiner Gedichtinterpretation beginnt mit den wichtigsten Informationen zum Werk. Zum Einleitungssatz gehören Textsorte, Titel, Autor, Erscheinungsjahr, falls relevant der Erscheinungsort und das Hauptthema. Wenn die Epoche für deine Analyse relevant ist, solltest du auch sie bereits im Einleitungssatz nennen. Falls nötig, kannst du zum Einleitungssatz auch noch einen zweiten Satz ergänzen. Mehr sollten es allerdings nicht werden.

Das Sonett “Natur und Kunst” wurde von Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1800, zur Zeit der Weimarer Klassik, geschrieben und handelt von dem Verhältnis zwischen Natur und Kunst.

Hauptteil

Im Hauptteil richtest du dich entweder nach einer bestimmten Aufgabenstellung oder wählst eine These, ein Motiv oder ein Thema aus, das dir gefällt. Wenn du keinen Fokus legst, sondern das Gedicht einfach insgesamt interpretierst, kannst du hier den Inhalt und die Thematik des Sonetts noch etwas weiter ausführen.

Beschreibe außerdem das Reimschema und das Vermaß, nenne rhetorische Mittel und beziehe dich auch auf die Textform, um zu argumentieren. Nutze hierzu Textbelege, also Vergleiche oder Zitate aus dem Gedicht. Schreibe sie in Klammern hinter deinen Beleg.

Die Natur wird hierbei als etwas Willkürliches dargestellt und die Kunst als etwas Durchdachtes und Schöpferisches. Das lyrische Ich vertritt die Ansicht, dass nur durch Disziplin eine Einheit von Kunst und Natur existieren kann.

In der ersten Strophe wird die These aufgestellt, dass Natur und Kunst voreinander fliehen, aber dennoch zusammengehören. In der zweiten Strophe wird die Antithese aufgestellt, die besagt, dass die Natur durch Anstrengung und Fleiß in der Kunst wieder aufblühen kann.

In der dritten und vierten Strophe findet die Synthese statt, die besagt, dass Menschen mit dem Ziel der Vollkommenheit scheitern werden, aber ihnen das Befolgen von Gesetzen bei der Erfüllung dieses Ziels helfen wird. Denn wenn Natur und Kunst, also Willkür und Regel, zusammenfinden, kann Vollkommenheit erreicht werden.

Das Gedicht entspricht der Form des italienischen Sonetts. Er gliedert sich in zwei Quartette und zwei Terzette, die im fünfhebigen Jambus mit weiblicher Kadenz geschrieben sind. Das bewirkt einen ruhigen und gleichmäßigen Rhythmus, der sanft ausklingt. Das Reimschema besteht aus umarmenden Reimen (abba, abba) in den ersten beiden Strophen und verschränkten Reimen (cde, cde) in der dritten und vierten Strophe.

In der ersten Strophe findet sich gleich zu Beginn eine Personifikation (V. 1). Natur und Kunst werden durch das Verb “fliehen” vermenschlicht. Zudem kann eine bildliche Bewegung imaginiert werden. Das lyrische Ich fühlt sich von beiden Phänomenen angezogen (V. 4) und ist willens, sich mit ihnen zu beschäftigen.

In der zweiten Strophe wird die Disziplin, die für die Kunst notwendig ist, bereits durch die Begriffe “gilt” (V. 5), “abgemessnen Stunden” (V. 6) und “Fleiß” (V. 7) angedeutet. Die Natur wird hingegen als Symbol für Harmonie und Ausgeglichenheit verwendet. Außerdem wird sie erneut durch das Verb “glühen” (V. 8) personifiziert. Diese beiden Kontraste könnten sich auch auf die Notwendigkeit der menschlichen Balance zwischen Fleiß und Harmonie übertragen lassen, die im Gleichgewicht stehen müssen.

In der dritten und vierten Strophe wird dieses Verhältnis auf die Bildung übertragen. Ohne Richtlinien sei man ein ungebundener Geist (V. 10) und Vollendung könne nur durch Disziplin erlangt werden (V. 11, 12).

Schluss

Der Schlussteil deiner Gedichtinterpretation

Zum Schluss fasst du die Ergebnisse deiner Gedichtinterpretation zusammen und ziehst, wenn es relevant ist, ein Fazit zum Epochenkontext. Verdeutliche die Intention des Autors oder des lyrischen Ichs und beende deine Analyse mit einem Schlusssatz.

Die Deutungshypothese, dass nur Disziplin zu einer Einheit von Natur und Kunst führe, konnte unter der Bedingung bestätigt werden, dass der Mensch, wenn er “Großes will”, den Einklang von Natur und Kunst meint. Die Annahme, dass der Einklang mit der Natur ein Ziel des Menschen ist, entspricht ganz dem typischen Denken der Weimarer Klassik.

Beispiel-Sonette aus verschiedenen Epochen

Im Folgenden findest du drei unterschiedliche Arten von Sonetten. Das Erste trägt Barock-Merkmale und ist von Andreas Gryphius. Das Zweite ist im englischen Stil der Renaissance von William Shakespeare geschrieben und das Dritte ist nach italienischem Vorbild in der Epoche der Romantik von Eduard Mörike verfasst worden. Alle drei Sonette folgen einem etwas anderen Reimschema.

Wir haben jeweils Informationen zum Autoren und zum Inhalt ergänzt. Nutze die Beispiele zum Üben, um deine Gedichtanalysen zu verbessern oder schau sie dir einfach an, um ein besseres Bild von Sonetten zu bekommen. Da sich diese Gedichtform in vielen Epochen wiederfindet, haben wir hier eine Übersicht aller Literaturepochen für dich.

Andreas Gryphius: Es ist alles eitel (1637)

Das Sonett “Es ist alles eitel” (1637) stammt von Andreas Gryphius (1616–1664), einem deutschen Dichter und Dramatiker des Barock. Er beschäftigte sich in seinen Gedichten vor allem mit epochentypischen Vergänglichkeitsmotiven wie Vanitas (lateinisch für “Nichtigkeit” oder “Misserfolg”) und Memento mori (lateinisch für “Bedenke, dass du sterben musst.”).

Im Folgenden findest du eine modernisierte Fassung von “Es ist alles eitel”. In dem Gedicht geht es um die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, die durch Eitelkeit hervorgerufen wird. In den beiden Quartetten mit umarmendem Reim (abba, abba) wird deutlich, dass der Mensch immer alles neu schaffen muss und Altes dafür weicht. Das Leben ist geprägt von stetiger Veränderung.

In den Terzetten mit Schweifreim (ccd, eed) wird jedoch deutlich, dass diese Art zu leben, den vergänglichen Dingen auch mehr Wert gebe und man sie mit größerer Freude betrachte: “Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!” (V. 14).

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

William Shakespeare: Sonnet No. 1 (1609)

Shakespeares "Sonnet No. 1"

William Shakespeare lebte von 1564 bis 1616, dem Zeitalter der Renaissance und dem Übergang zur Neuzeit. Er war einer der größten Dichter und Dramatiker seiner Zeit und beeinflusste noch weit danach viele Dichter und Denker.

Das “Sonnet No. 1” (1609) stammt aus dem Gedichtband “Shakespeares Sonnets” (1609) mit 154 englischen Sonetten. Die Gedichte behandeln größtenteils das Thema Liebe. Es besteht, wie es für Shakespeare typisch ist, aus drei Quartetten (abab, cdcd, efef) und einem Couplet (gg). Wir haben sie durch eine Leerzeile für dich optisch getrennt.

In Shakespeares Original und der hier verwendeten, streng am Original orientierten, Übersetzung von Ludwig Reinhold Walesrode (Pseudonym: Emil Wagner) von 1840 gab es diese Leerzeilen nicht. Stattdessen waren die letzten beiden Verse eingerückt.

Das Sonett richtet sich an einen jungen Mann, der darauf hingewiesen wird, nicht so gedankenlos und selbstbezogen zu sein. Außerdem wird das Motiv Memento mori (“Bedenke, dass du sterben musst.”) deutlich. Es ist typisch für diese Zeit und zeigt bereits die Tendenzen zum Barock.

Vom schönsten Wesen wünschen Zuwachs wir,
Damit der Schönheit Rose bleibe ewig jung,
Und wenn der Reifre einstens schied von hier,
Sein Erb’ ihm wahre die Erinnerung.

Doch du, beschränkt auf deinen Flammenblick,
Nährst durch den eignen Brand der Flamme Gluth,
Und bringest Noth in üpp’ger Fülle Glück,
Du selbst dein eigner Feind in seltner Wuth.

Du, der jetzt frischen Schmuck der Welt verleiht,
Der einz’ge Herold von des Frühlings Reiz,
Begräbst in eigner Knospe Selbstzufriedenheit,
Und – zarter Jüngling! – du verschwendst durch Geiz.

Der Welt erbarm’ dich, sonst schlingst du hinab,
Was ihr gebührt, durch dich und durch dein Grab.

Eduard Mörike: Am Walde (1833)

Eduard Mörike (1804–1875) betrachtete sich selbst als Künstler, der sich mit dem bürgerlichen Leben nicht identifizieren konnte. Er wurde mit 40 Jahren von seinem Beruf als Pfarrer pensioniert und widmete sich von dort an nur noch der Dichtkunst.

Eduard Mörikes "Am Walde"

Das Sonett wurde in der Epoche der Romantik geschrieben und verkörpert dementsprechend die Sehnsucht nach der Natur und die künstlerische Verbundenheit mit ihr. Diese Motive und seine negative Einstellung zur Gesellschaft finden sich auch in seinem Sonett “Am Walde” (1833) wieder.

Das erste Quartett zeichnet ein Bild von idyllischer Natur, das zweite Quartett zeigt die engstirnige und urteilende Gesellschaft, vor der das lyrische Ich geflüchtet ist. Sie steht der These der schönen Natur als negative Antithese gegenüber.

In den beiden Terzetten wird das dichterische Schaffen und der Weitblick des Ichs beschrieben, den die Gesellschaft nicht hat. Das Sonett folgt dem italienischen Vorbild mit umarmenden Reimen in den ersten beiden Strophen (abba, abba) und verschränkten Reimen in den beiden letzten Strophen (cde, cde).

Am Waldraum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst dächten,
Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts gedrängte Kränze flechten
Sich wie von selber unter meinen Händen,
Indes die Augen in der Ferne weiden.

 

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