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Ballade: 5 + 17 Merkmale, Analyse & 3 Beispiele zur Gedichtform

Die Ballade ist eine besondere Gedichtform, die Merkmale der Lyrik, Epik und Dramatik aufweisen kann. Wir haben einige Grundlagen und Wissenswertes über Balladen für dich zusammengestellt sowie drei Beispiele zur Veranschaulichung.

Bevor wir dir erklären, was eine Ballade ist, findest du einige Grundlagen über Lyrik. Dazu gehört zunächst eine Definition von Lyrik. Außerdem erklären wir dir was ein Vers, eine Strophe, das Metrum, das Reimschema und eine Kadenz ist.

Im Anschluss erfährst du alles Wissenswerte über die Ballade und ihre Merkmale. Dazu gehört auch der Aufbau einer Gedichtanalyse und Beispiele bekannter Balladen.

Grundlagen der Lyrik

Alle wichtigen Grundlagen der Lyrik

Die Lyrik unterscheidet sich von den Begriffen “Poesie”, “Dichtung” und “Poetik”. Als "Dichtung" oder Gedicht werden poetische Texte bezeichnet. Der Begriff “poetisch” leitet sich von “Poesie” ab und meint die qualitative Wirkung der Texte bezüglich ihrer Aussagekraft, ihrem Tiefsinn oder ihrer Fähigkeit, zu inspirieren.

“Poetik” meint hingegen die Lehre der Dichtkunst. Das begleitende Adjektiv hier ist “poetologisch”, nicht poetisch. Bevor wir zur Ballade übergehen, haben wir einige Grundlagen der Lyrik für dich, damit du die Untergattung besser verstehst.

Lyrik: Definition

Die Lyrik bezeichnet eine der drei großen Gattungen der Literatur. Neben ihr gibt es noch die Epik (erzählende Literatur im Fließtext) und die Dramatik (Texte mit verteilten Rollen zum Schauspiel).

Die Lyrik ist durch ihre Versform bestimmt und hebt sich so von den anderen beiden Gattungen ab. Die Untergattungen der Lyrik sind Gedichte und Lieder. Zu den Gedichten gehören zum Beispiel Oden, Sonette und auch Balladen.

Abgeleitet wird der Begriff “Lyrik” von dem Instrument “Lyra”. Jede Dichtung, die durch eine Lyra begleitet wurde, galt früher als Lyrik. Heute gilt alles als Lyrik, das in Verse und Strophen gegliedert ist. Häufig gibt es auch einen bestimmten Rhythmus oder Reime, sie sind aber nicht zwangsläufig notwendig.

Der Vers

Der Vers ist ein wichtiger Bestandteil eines Gedichts. Er ist das, was die Zeile in einem epischen Text, wie zum Beispiel Prosa ist. Bei einer Gedichtanalyse wird meist von einem Vers oder einer Verszeile gesprochen. Mehrere zusammengehörige Verse bezeichnet man als Strophe.

Die Strophe

Die Strophe im Gedicht

Die Strophe ist das, was in einem Prosatext ein Textblock (Absatz) ist, der durch Leerzeilen getrennt wird. Sie gliedert ein Gedicht und besteht aus mehreren Versen. Je nachdem, wie viele Verse eine Strophe hat, kann sie anders bezeichnet werden. Eine Ballade erscheint häufiger mit drei bis sechs Strophen, bestehend aus drei bis sechs Versen. Bezeichnungen für die Strophenformen sind:

  1. Einzeiler: Monostichon
  2. Zweizeiler: Couplet, Distichon
  3. Dreizeiler: Terzett, Tristichon
  4. Vierzeiler: Quartett, Tetrastichon
  5. Fünfzeiler: Quintett
  6. Sechszeiler: Sextett
  7. Siebenzeiler: Septett
  8. Achtzeiler: Oktett
  9. Neunzeiler: Neunzeiler
  10. Zehnzeiler: Dekastichon

Die Kadenz

Eine Kadenz ist immer dann relevant, wenn sich die Verse in einem Gedicht reimen. Dieser Rhythmus bestimmt die ‘weibliche’, ‘männliche’ oder ‘reiche’ Kadenz, legt also fest, wie der Reim endet: betont oder unbetont. Die Betonung beeinflusst die Lesart des Gedichts.

Eine männliche Kadenz wird auch stumpfe Kadenz genannt und endet auf einer betonte Silbe (x-X). Ist der Vers am Ende unbetont, spricht man von einer weiblichen Kadenz (X-x). Die reiche Kadenz ist eher selten und endet auf mehrere unbetonte Silben (X-x-x).

Das Metrum (Versmaß)

Das Metrum wird auch Versmaß genannt und setzt sich aus den kleinsten formalen Teilen eines Gedichts zusammen: den Silben. Mehrere Silben zusammen bilden den Versfuß. Das metrische Schema ist eine betonte und unbetonte Abfolge von Silben.

Gedichtformen mit strengem Versmaß folgen einem bestimmten Metrum, zum Beispiel dem Jambus (x-X). Jede Hebung steht dabei für eine betonte Silbe. Wir haben die häufigsten Metren kurz für dich zusammengestellt. Das kleine x steht hierbei jeweils für eine unbetonte Silbe, das große X für eine betonte.

  • Jambus: x-X
  • Trochäus: X-x
  • Daktylus: X-x-x
  • Anapäst: x-x-X
  • Spondeus: X-X

Das Reimschema

Das Reimschema in Balladen

Das Reimschema in einem Gedicht kann unterschiedliche Formen annehmen. Die bekanntesten sind der Paarreim, Kreuzreim und der umarmende Reim. Wir haben die häufigsten Reimschemata für dich zusammengestellt, damit du sie in der Analyse richtig anwenden kannst. Jeder neue Buchstabe steht hierbei für einen neuen Reim.

  • Paarreim: aabb
  • Kreuzreim: abab
  • Umarmender Reim: abba
  • Schweifreim: aa b cc b
  • Verschränkter Reim: abc abc
  • Haufenreim: aaaa
  • Kettenreim: aba bcb cdc

Wissenswertes über Balladen

Der Begriff “Ballade” kommt ursprünglich vom mittellateinischen “ballare”, das so viel wie “tanzen” bedeutet. Es bezeichnete ursprünglich eine Art Tanzlied, heute versteht man unter eine Ballade meist eine mehrstrophige, erzählende Gedichtform. Sie ist in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert bekannt.

Der Liedcharakter der Gedicht-Ballade macht sie besonders gut singbar. Es werden auch Musikstücke  als Ballade bezeichnet, wie zum Beispiel die “Ballade pour Adeline” von Richard Clayderman, die 1977 veröffentlicht wurde. Im Folgenden erfährst du alles über die Ballade als Gedichtform.

Was eine Ballade ist

Eine Ballade ist eine bestimmte Form eines Gedichts und gehört somit zur Gattung der Lyrik. Sie besteht aus mehreren Strophen und zeichnet sich durch ihren erzählenden Charakter aus.

Aus diesem Grund ist sie auch meist länger als andere Gedichtformen. Neben ihren lyrischen Eigenschaften weist sie allerdings auch dramatische und epische Merkmale auf. Dazu erfährst du mehr in unseren 5 + 17 Merkmalen.

Der Germanist Wolfgang Kayser unterteilte thematische Untergattungen der Ballade in Geisterballade, Schauerballade, Schicksalsballade, Ritterballade, Heldenballade, naturmagische, historische oder nordische Ballade. Sie wurden zudem durch die soziale Ballade und die legendenhafte Ballade ergänzt.

Volksballade

Volksballaden wurden mündlich überliefert

Die Ballade lässt sich unterteilen in Volksballaden und Kunstballaden. Die Volksballaden wurden wie Volksmärchen mündlich überliefert und haben in der Regel keinen Autoren oder Urheber. Außerdem gibt es meist mehrere Variationen des Erzählstoffs.

Die Themen der Volksballade können ganz unterschiedlich sein. So gibt es zum Beispiel Balladen über historische Ereignisse wie bei der “Bernauerin”, aber auch der Unterschied zwischen Arm und Reich wird thematisiert, wie bei “Graf und Nonne”. Selbst literarische Stoffe aus der Antike werden manchmal aufgenommen, wie in “Es waren zwei Königskinder”.

Kunstballade

Die Kunstballade wurde im Gegensatz zur Volksballade schriftlich dokumentiert und hat einen oder mehrere Autoren. Sie variiert thematisch und formal je nach Literaturepoche, aber meint meist die Balladen zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zur Volksballade ist, dass die Kunstballade unter künstlerischem Vorwand und oft nach formalen Vorgaben (Reimschema, Metrum etc.) geschaffen wurde. Beispiele sind Friedrich Schillers “Lied von der Glocke” (1799), Johann Wolfgang von Goethes “Erlkönig” (1782) oder Clemens Brentanos “Lore Lay” (1800).

Das Balladenjahr

Als Balladenjahr wird in der Literaturgeschichte das Jahr 1797 bezeichnet. In diesem Jahr entstanden viele bekannte Balladen von Goethe und Schiller, wie zum Beispiel “Der Zauberlehrling” und “Der Schatzgräber” von Goethe. Schiller veröffentlichte beispielsweise die Balladen “Der Ring des Polykrates” und “Der Handschuh”.

Der Begriff stammt von Schiller selbst. Er erwähnte das “Balladenjahr” im September 1797 in einem Brief an Goethe und die Literaturwissenschaft griff ihn auf. Die beiden Dichter verband eine Freundschaft und enge Zusammenarbeit, die im Balladenjahr besonders viele Früchte getragen hatte.

Außerdem beschäftigten sich die Dichter mit der Literaturtheorie und lenkten die Aufmerksamkeit auf die Form, die Thematik und den Sinn der Ballade. Sie solle sittliche Lehren vermitteln und einen Effekt auf Leser oder Hörer haben, ihn zur Bewertung anregen und die Schönheit der deutschen Sprache demonstrieren.

5 + 17 Merkmale einer Ballade

Merkmale einer Ballade

Eine Ballade hat nur wenig allgemeingültige Merkmale, da sie als Mischform aus Lyrik, Epik und Dramatik die unterschiedlichsten Eigenschaften aufweisen kann. Dennoch gibt es fünf Merkmale, die sehr häufig auf Balladen zutreffen, aber nicht zwangsweise zutreffen müssen. Sie helfen dir trotzdem bei dem Identifizieren eines Werks als Ballade.

  1. Besteht aus Versen und Strophen
  2. Ist länger als andere Gedichtformen
  3. Schildert ein lebensveränderndes Ereignis
  4. Dient als Beispiel für eine allgemeingültige Aussage
  5. Überirdisches, Unerklärliches und Numinoses spielen eine Rolle und können in das Geschehen eingreifen

Neben diesen Merkmalen kann sie auch weitere typisch lyrische, epische oder auch dramatische Anteile aufweisen. Bei einem lyrischen Werk sind das zum Beispiel Reime, das Metrum und eine emotionale Thematik.

Einen epischen Einfluss hat die Ballade, wenn ihre Handlung nach einem bestimmten Aufbau gestaltet ist. Sie weist dann meist einen Spannungsbogen sowie einen Höhe- oder Wendepunkt auf.

Ein dramatisches Merkmal der Ballade ist, wenn die Figuren besonders lebendig und detailliert beschrieben werden und es Dialoge gibt. Da sich diese Merkmale in Balladen häufig unterschiedlich verteilen, haben wir eine Tabelle mit 17 weiteren Merkmalen erstellt, die dir einen Überblick verschafft.

Lyrische MerkmaleEpische MerkmaleDramatische Merkmale

  • Mehrere Strophen aus mehreren Versen

  • Nicht festgelegtes Reimschemata (häufig Endreime)

  • Oft festes Metrum, manchmal unregelmäßig

  • Viele rhetorische Mittel

  • Symbole, Onomatopoesie oder Metaphern sorgen für stimmungsvolle Atmosphäre

  • Hohe Sangbarkeit und Liedcharakter durch melodischen Rhythmus


  • Spannende Geschichten und Ereignisse werden erzählt

  • Spannungsbogen wird aufgebaut

  • Einleitung, Höhepunkt und Pointe

  • Erzähler beschreibt aus Außensicht (Unterschied zum lyrischen Ich)

  • Es gibt einen Handlungsort und handelnde Figuren

  • Unterschiedliche Zeitformen, häufig aber im Präteritum (Einfache Vergangenheit)


  • Held wird mit Konflikt konfrontiert

  • Vorantreiben der Handlung durch Dialoge oder direkte Rede

  • Wenig Handlungsorte

  • Abrupter Wechsel der Szenen

  • Spannungsbogen ähnelt manchmal antikem Drama (Exposition, erregendes Moment, Höhepunkt, Retardation und Katastrophe)

Analyse einer Ballade

Wie Romananalysen, Sachtextanalysen oder Novellenanalysen besteht auch die Analyse einer Ballade aus etwas Vorbereitung, einer Einleitung, einem Hauptteil und dem Schluss. Sie unterscheidet sich in der Regel nicht von der normalen Gedichtanalyse.

Behalte allerdings immer die Aufgabenstellung im Kopf, beziehe epochentypische Merkmale mit ein, wie zum Beispiel des Sturm und Drang, der Weimarer Klassik oder der Romantik.

Wir haben dir zu jedem Punkt kurz erklärt, was in der Analyse zu tun ist. Ein praktisches Beispiel für eine Gedichtanalyse findest du hier: Beispielanalyse von Goethes Sonett “Natur und Kunst”.

1. Vorbereitung

  • Mehrfaches Lesen des Gedichts
  • Reimschema markieren
  • Rhetorische Mittel und Motive markieren oder herausschreiben
  • Erfasse das Hauptthema des Gedichts

2. Einleitung

  • Einleitungssatz: Textsorte, Titel, Autor, Erscheinungsjahr und -ort, Hauptthema
  • Falls relevant für deine Interpretation: Nennung der Epoche

3. Hauptteil

  • Thesen oder Fragen aufstellen (passend zur Aufgabenstellung)
  • Beschreibe Reimschema und Versmaß
  • Textform, Gliederung, Sprache und rhetorische Mittel zur Argumentation nutzen
  • Beispiele mit einem Textbeleg versehen (Tipps zum Zitieren)

4. Schluss

  • Ergebnisse deiner Interpretation zusammenfassen
  • Fazit zur Epoche ziehen (geschichtlichen Kontext reflektieren)
  • Intention des Autors verdeutlichen
  • Schlusssatz (gegebenenfalls mit Bezug zur Relevanz in der heutigen Zeit)

Bekannte deutsche Balladen: 3 Beispiele

Bekannte deutsche Balladen

In diesem Kapitel findest du drei deutsche Balladen, die bis heute bekannt sind und häufig im Schulunterricht (besonders in der Klasse 7) behandelt werden. Die erste ist “Lenore” von Gottfried August Bürger, die zweite “Erlkönig” von Johann Wolfgang von Goethe und die dritte ist “John Maynard” von Theodor Fontane.

Wir haben jeweils das Entstehungsjahr und den historischen Kontext erläutert und den Inhalt kurz für dich zusammengefasst. Nutze die Beispiele zur Veranschaulichung oder für eine Balladenanalyse als Übung für eine Prüfung oder Hausarbeit.

Gottfried August Bürger – Lenore

Die Ballade “Lenore” von Gottfried August Bürger entstand im Jahr 1773 oder 1774 und fällt damit in die Epoche des Sturm und Drang. Sie handelt von der Protagonistin Lenore, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Verlobten aus dem Krieg wartet und deshalb an Gott zweifelt.

Ihr Verlobter taucht schließlich als Geist auf und nimmt sie mit in das Totenreich. Die Ballade erreichte Bekanntheit durch ihre unheimliche Thematik und die Tendenzen zur Blasphemie (Gotteslästerung). Mit ihren 32 Strophen ist “Lenore” eine sehr lange Ballade. Wir haben die ersten drei Strophen für dich, um einen Einblick zu bekommen.

Lenore

Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
"Bist untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?" –
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

Und überall all überall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog alt und jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen.
Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
Willkommen! manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenoren
War Gruß und Kuß verloren.

Johann Wolfgang von Goethe – Erlkönig

Goethes Ballade "Erlkönig" spielt in einem dunklen Wald

Die Ballade “Erlkönig” gehört zu Goethes bekanntesten Werken überhaupt. Sie entstand im Jahr 1782 und fällt somit in die Epoche des Sturm und Drang. Anders als seine Zeitgenossen, die in dieser Epochen hauptsächlich Liebesballaden schrieben, verfasste Goethe mit “Erlkönig” eine der ersten naturmagischen Balladen.

Die Natur wird im 18. Jahrhundert häufig von einer religiösen und ästhetischen Seite beschrieben. Goethe hebt sich mit “Erlkönig” deutlich von diesem Bild ab und zeigt bereits erste Tendenzen zur Epoche der Romantik. Er inszeniert die Natur als lockende, aber auch tödliche Macht. Außerdem thematisiert er das Unbewusste und die Tiefe der Seele.

In der Ballade geht es um einen Vater, der mit seinem Sohn im Arm nachts durch einen dunklen Wald reitet. Das Kind erkennt den Erlkönig in der Dunkelheit und reagiert ängstlich. Der Vater denkt es sei nur Einbildung und begründet das, was er sieht, mit Naturphänomenen.

Der Erlkönig aber will den Jungen in das Totenreich locken. Er spricht in wörtlicher Rede durch ihn, als sei der Junge besessen. Der Vater versucht so schnell wie möglich aus dem Wald zu reiten, doch als er am Hof ankommt, ist es zu spät und der Junge ist tot.

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Theodor Fontane – John Maynard

Die Ballade "John Maynard" berichtet von einem Feuer auf einem Raddampfer

Die Ballade “John Maynard” stammt von Theodor Fontane und wurde zum ersten Mal 1886 veröffentlicht. Sie basiert auf einem historischen Ereignis von 1841: Ein Raddampfer namens “Erie” gerät auf der Fahrt von Buffalo nach Erie in Pennsylvania in Brand und viele Menschen kommen ums Leben. Diese Tragödie wurde mehrfach literarisch verarbeitet.

Inhalt der Ballade ist die Preisung des Steuermanns John Maynard, der so lange auf seinem Posten blieb, bis das Schiff den Hafen erreichte. Damit rettete er viele Leben und gab dafür sein eigenes. Er wurde nach historischen Aufzeichnungen vom Kapitän unter den Toten verzeichnet.

Das Gedicht “John Maynard” besteht aus zwei einzelnen Versen zu Beginn und neun Strophen mit unterschiedlicher Länge. Wegen seinem unregelmäßigen Versmaß (Metrum) wird diese Art der Dichtung auch “Knittelvers” genannt. Die Reime sind meist Paarreime.

John Maynard

John Maynard!

"Wer ist John Maynard?"

"John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!"

*

Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten … Halbe Stund'."

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir, wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?" – "Ja, Herr. Ich bin." –
"Auf den Strand. In die Brandung." – "Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt’s
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt’s!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein;
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

*

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

*

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

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