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Substanz: Wie Wissenschaftsjournalismus neu erfunden wird

18.12.2014 - von - Journalismus 1 Kommentar

substanz

Der Wissenschaftsjournalismus muss sich wie alle anderen Bereiche des Journalismus neu erfinden. Mit dem digitalen Magazin “Substanz” wagen Georg Dahm und Denis Dilba ein Experiment – und setzen voll auf bezahlte Inhalte.

Spätestens nach dem Aus der gerade erst gestarteten deutschen Ausgabe des New Scientist war klar, dass der digitale Wandel, unter dem Tageszeitungen schon seit längerem zu leiden haben, auch im Wissenschaftsjournalismus angekommen ist. Gerade dieses Ereignis war es auch, das die beiden erfahrenen Wissenschaftsjournalisten Georg Dahm und Denis Dilba dazu brachte, sich von den etablierten Magazinen und Formaten abzuwenden und ihr eigenes Ding zu machen. Dazu sagt Dahm im Interview mit dem Blog der Hamburger Kreativgesellschaft:

Wir hatten einfach keine Lust mehr auf Krise. Wir wollten uns den Spaß an unserem Beruf erhalten, und dafür haben wir im Print keine Perspektive mehr gesehen.

Unter dem Dach ihrer 2013 gegründeten Fail Better Media GmbH erarbeiteten sie das Konzept von Substanz, welches sie im Februar 2014 mit einer Crowdfunding-Kampagne der Öffentlichkeit vorstellten. Nun ist das digitale Magazin gestartet und die ersten langen Geschichten, Reportagen und Portraits sind verfügbar. Die Themen reichen dabei von der Arbeit moderner Artenforscher über Gluten-Unverträglichkeit bis zu den Auswirkungen des us-amerikanischen Haushalt-Shutdowns auf die Karrieren von Polarforschern.

Labor für neue Formen digitalen Erzählens

Startseite von Substanz

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Mit ihrem Magazin wollen die beiden Gründer eine Plattform bieten, auf der Wissenschaftsjournalisten neue Formen des digitalen Erzählens ausprobieren können. In den Worten Georg Dahms: “Wir wollen diese Entwicklung mit gestalten und einen Platz schaffen für Kollegen, die angetreten sind, um geilen Journalismus zu machen” (Interview mit Karsten Lohmeyer).

Dabei sprechen die Macher auf ihrer Crowdfunding-Seite bewusst nicht von “online”, sondern von “digital” und unterscheiden “zwischen schlecht und gut erzählten Geschichten”. Im Mittelpunkt steht der Wandel der Dramaturgie einer Geschichte, die im Print-Layout in einer Abfolge von Seiten und Doppelseiten erzählt wird und dementsprechend optisch konzipiert werden muss. Im digitalen Erzählen hingegen ist die Entwicklung weniger von der Anordnung der Elemente auf einer Seite geprägt, sondern von der Abfolge der einzelnen Teile im Verlauf der Geschichte – stärker linear aber gleichzeitig auch stärker vernetzt (Interview mit Karsten Lohmeyer).

Dieser Versuch, digitalen Journalismus weiterzuentwickeln wird auch wissenschaftlich begleitet. So verfolgten Forscher des Insituts für Germanistik am Karlsruher Instituts für Technologie den Entwicklungsprozess und befassen sich jetzt mit der Untersuchung der Nutzung des Magazins ebenso wie mit der Veränderung redaktioneller Arbeitsprozesse.

Finanzierung über Crowdfunding und bezahlte Inhalte

Bei der Finanzierung ihres Projekts gehen Dilba und Dahm ebenfalls konsequent digitale Wege. Neben den eigenen Ersparnissen setzten sie zur Anschubfinanzierung in erster Linie auf eine umfangreiche Crowdfunding-Kampagne. Das Fundingziel von 30.000 Euro übertrafen sie dabei um fast 25% und konnten insgesamt 37.176 Euro für die Weiterentwicklung und Umsetzung ihres Konzepts einnehmen.

Mit dem Start des Magazins setzt Substanz nun in erster Linie auf bezahlte Inhalte. Jeden Freitag erscheint ein langes Stück, das für 3 Euro erworben werden kann. Kleinere Stücke, die auch unter der Woche erscheinen, werden mit 29 Cent berechnet. Zudem sind Abonnements verfügbar, die sich die Macher mit 9 Euro pro Monat bezahlen lassen. Dafür gibt es neben den vier langen Stücken und einer unbestimmten Anzahl an kürzeren auch Zugriff auf alle bisherigen Artikel. Technisch umgesetzt wird dieses Konzept mit der Hilfe des Münchener Bezahldienstleisters Laterpay, den wir auch bereits vorgestellt haben.

Erste positive Einschätzungen

Wer gleich zu Beginn solch hohe Ansprüche formuliert, der muss damit rechnen, beim Start besonders genau unter die Lupe genommen werden. Doch Substanz scheint es an dieser Stelle nicht so zu ergehen wie dem ebenfalls kürzlich gestarteten Krautreporter, bei dem die ersten Reaktionen doch eher durchwachsen waren. Wissenschaftspodcaster Matthias Fromm fasst seinen ersten Eindruck beispielsweise wie folgt zusammen:

Alles in allem hat mich der erste Eindruck von Substanz besonders in Hinblick auf die Qualität der Beiträge überzeugt und werde auf jeden Fall erst einmal regelmäßiger Konsument werden.

Auch Wissenschaftsjournalist Marcus Anhäuser ist sehr angetan und hält seinen ersten Eindruck in einem Video fest:

Es bleibt abzuwarten, ob Dahm und Dilba mit ihrem Konzept langfrisitig erfolgreich sind, der Launch kann jedenfalls als Erfolg betrachtet werden. Wie sich die Abonnentenzahlen entwickeln und ob es tatsächlich einen ausreichenden Markt für hochwertigen allgemeinverständlichen Wissenschaftsjournalismus im Netz gibt, wird die Zukunft weisen. Sollte Substanz das aktuelle Niveau halten oder gar weiter anheben können, stehen die Chancen sicherlich nicht schlecht.

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