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Die universelle Angst aller Kreativen und das einzige Gegenmittel

Auch wer sagt, dass er gerne schreibt, kennt diese Momente, in denen man sich trotz freier Zeit nicht an das eigene Manuskript setzt. Da scheint ein innerer Widerstand zu sein, der einen daran hindert. Diesen Widerstand zu überwinden ist zentrale Voraussetzung für ein erfolgreiches Schreibprojekt.

Auf einmal sind sie da, ein paar unverhoffte freie Stunden, weil der Besuch für den Abend abgesagt hat. Die ideale Möglichkeit, sich mal wieder dem eigenen Manuskript zu widmen und endlich diese eine Szene zu schreiben, die man schon seit Wochen mit sich rumschleppt. Doch dann ist da diese Stimme, die einem einflüstert, wie komplex diese Szene doch ist und dass man den Film im Fernsehen doch ohnehin schon lange sehen wollte.

Auf deutsch wird diese Stimme oft als „innerer Schweinehund“ bezeichnet und damit – in den Augen des us-amerikanischen Autors Steven Pressfield (u.a. Die Legende von Bagger Vance) – zu Unrecht verniedlicht. Für ihn ist dieser Widerstand das zentrale Problem von Kreativen aus allen Bereichen, und ihn zu bezwingen absolute Grundvoraussetzung dafür, vom Amateur zum Profi werden zu können.

Angst als Nahrung des Widerstands

Ihren Ursprung hat dieser Widerstand für Pressfield in der Angst des Kreativen. Diese Angst ist nicht die Angst vor dem Scheitern oder der negativen Kritik durch andere, sondern „die Angst, dass wir das Talent tatsächlich besitzen, welches uns diese noch leise Stimme zuflüstert. Dass wir tatsächlich den Mumm, die Ausdauer und die Fähigkeiten besitzen. Wir fürchten, dass wir unseren Weg tatsächlich steuern können, einen Unterschied machen und unser gelobtes Land erreichen können. Wir haben Angst, weil wir uns allem, was wir kennen, entfremden, wenn wir es tatsächlich tun“ (Steven Pressfield: The War of Art, Pos 1045, eigene Übersetzung).

Diese Angst und der damit verbundene Widerstand ist kein Zeichen von Schwäche, sondern universell. Sie bringt einen dazu, sich wider besseres Wissen ungesund zu ernähren, sich von Kleinigkeiten ablenken zu lassen und die zentralen Aufgaben auf „später“ zu verschieben. Umso wichtiger ist es daher, sie als ernsthaften Gegner zu begreifen und die Auseinandersetzung mit ihr als zentralen Bestandteil des Schreibprozesses.

Jeden Tag und immer wieder

Der entscheidende Moment einer kreativen Karriere liegt für Pressfield im „Turning Pro“, dem Punkt, an dem jemand bereit ist, sich vollständig dem Schreiben hinzugeben.

Für Pressfield ist ein „Amateur“ jemand, der seine Kunst nicht so sehr liebt, dass er bereit ist, sie zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen, sondern sie nur als Nebenprojekt begreift. Er ist ein „Wochenend-Krieger“, während der Profi „sieben Tage in der Woche an der Front steht“. Etwas weniger martialisch formuliert: Es geht darum immer bereit zu sein, immer die notwendige Arbeit zu investieren, auch wenn man sich gerade nicht danach fühlt und der Widerstand immer stärker wird.

Pressfield selbst beschreibt, wie er jeden Tag 4 Stunden schreibt, ohne sich große Gedanken darüber zu machen, ob er nun eine oder fünf Seiten in dieser Zeit geschrieben bekommt. Ihm ist es wichtig, die Zeit zu investieren und den Widerstand jeden Tag aufs Neue zu besiegen. Gleichzeitig ist ein Profi aber auch in der Lage, sich von seiner Arbeit zu distanzieren, die eigenen Grenzen zu erkennen und sich, wenn notwendig, Hilfe zu holen. Außerdem nimmt er seine Motivation aus sich selbst und ist in der Lage, Kritik sachlich und nicht persönlich aufzunehmen.

Das heißt aber nicht, dass ein Profi keine Angst hat. Im Gegenteil: „Der vorgebliche Kreative ist äußerst selbstbewusst. Der echte Kreative fürchtet sich zu Tode“ (Steven Pressfield: The War of Art, Pos 344, eigene Übersetzung). Es geht also nicht darum, die Angst zu besiegen, sondern den Widerstand, den sie hervorruft. Nur so ist es möglich, der Welt die eigene Kreativität zu schenken.

<Bildnachweis: Angst von Shutterstock>

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