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Prime Reading für Autoren: Gemischte Gefühle

Am vergangenen Donnerstag führte Amazon seinen Premium-Dienst Prime Reading in Deutschland ein – und erschütterte damit den Self-Publishing-Kosmos in seinen Grundfesten. Eine Woche später gilt es festzuhalten: Alles halb so wild. Allerdings sind einige Fragen noch offen.

Prime Reading gehört zum Inklusiv-Paket des Premium-Dienstes Amazon Prime, der für 70 Euro Jahresgebühr neben Versand-Vorteilen inzwischen ein dickes Inhalte-Paket von Filmen bis Musik beinhaltet. Auch eBooks gehörten schon seit Jahren zum Paket, in der Kindle-Leihbücherei stehen über 50.000 Titel zur kostenlosen Ausleihe bereit. Die Ausleihe ist aber beschränkt auf einen Titel pro Amazon-Prime-Mitglied pro Monat und vor allem auf dedizierte Kindle-Lesegeräte.

Prime-Reading-Titel überfluten Kindle-Bestsellerliste

Kindle Charts am Einführungstag: Erster Nicht-Prime-Reading-Titel auf Platz 13

Über Prime Reading, das Amazon vergangene Woche in Deutschland einführte, sind nur rund 500 eBooks plus zwei Dutzend E-Paper inklusive. Das Angebot wechselt alle drei Monate. Diese Titel können Prime-Mitglieder allerdings unbegrenzt ausleihen (immer 10 auf einmal) und vor allem über die Kindle-Apps für Mobilgeräte oder auch im Browser lesen.

Was das für einen Unterschied ausmacht, illustrierte schon am Tag der Einführung ein Blick in die Kindle Charts. Am späten Donnerstagabend bestand ungefähr die Hälfte der Kindle Top 100 und die komplette Top 10 (!) aus Amazon-Prime-Exklusivtiteln. Entsprechend groß war die Furcht vieler Indie-Autoren, massiv an Sichtbarkeit und in der Konsequenz an Verkäufen in der für sie mit Abstand wichtigsten Verkaufsstelle zu verlieren.

Eine Woche später haben sich die Kindle Charts wieder ein wenig beruhigt. Die Amazon-Prime-Gratistitel werden langsam nach hinten durchgereicht, immerhin 3 der 10 bestplatzierten Titel sind nicht Teil des Programms. Noch wichtiger aber sind die Erfahrungswerte von Indie-Autoren sowohl von gut platzierten Neuerscheinungen als auch von Prime-Reading-Titeln der ersten Runde, die sich mit „alles nicht so wild“ zusammenfassen lassen.

Ranking-Minus, aber kein Verkaufs-Minus

So berichtete der Autor Cliff Allister jetzt in einer Autoren-Gruppe bei Facebook, sein derzeit für Prime-Mitglieder kostenlos lesbarer älterer SciFi-Roman Der Leviathan sei zwar kurzfristig zurück in die Kindle Top 100 gesprungen. Nennenswerte zusätzliche Verkäufe oder „gelesene Seiten“ (Kindle Unlimited) hätten sich aus dem Ranking- und dem damit verbundenen Sichtbarkeitsboost aber nicht ergeben. Allisters weitere Romane, die nicht Teil von Prime Reading sind, sind analog im Ranking abgesackt. Das Minus bei den Verkaufszahlen bewege sich aber in einem „natürlichen“ Rahmen, im Zeitverlauf verlören eBooks nun einmal an Sichtbarkeit. Erfreulich indes: Die Fortsetzung des Prime-Reading-Inklusivtitel verzeichnete in den letzten Tagen deutlich mehr Verkäufe und Leihen – einige Gratis-Leser sind also ganz offenbar auf den Geschmack gekommen.

Ähnliche Erfahrungen haben andere namhafte Autoren gemacht. So berichtet Phillip P. Peterson davon, sein Prime-Reading-Titel Paradox – immerhin Gewinner des ersten Kindle Storyteller Award – würde trotz zeitweiliger Rückkehr in die Kindle Top 20 nicht öfter gekauft und gelesen als vorher, wohingegen die Verkaufszahlen seiner weiteren Romane trotz deutlich schlechterem Ranking ungefähr konstant geblieben sind. Lediglich bei der Zahl gelesener Seiten habe es einen Rückgang von etwa 10 Prozent gegeben. Petersons Fazit: „Ich bin überrascht und denke, dass der Rang weniger Auswirkungen auf den Umsatz hat, als ich bisher angenommen habe“. Trotzdem habe der die Veröffentlichung seines neuen Romans vorsichtshalber um zwei Wochen nach hinten verschoben.

Rätsel um Kindle-Unlimited-Rückgang

Wenn es für Indie-Autoren abseits des Rankings signifikant bergab ging, dann nur bei der Zahl gelesener Seiten, also bei den Tantiemen aus der eBook Flatrate Kindle Unlimited (KU). Das verwundert in sofern, als dass KU-Nutzer, die einen Prime-Reading-Titel ausleihen, über KU gezählt und gelesene Seiten entsprechend auch vergütet werden. Hier könnte es zu einem „Hamster-Effekt“ gekommen sein, möglicherweise werden erfolgen die Vergütungen hier einfach etwas zeitversetzt.

Was bedeutet das alles? Zunächst einmal: Keine Panik. Diesen Ratschlag gab Indie-Autor Michael Meisheit schon unmittelbar nach dem Start von Prime Reading in einem Blogbeitrag, und die Erfahrungswerte seiner Kollegen nach einer Woche geben ihm recht. Auch Self-Publishing-Experte Matthias Matting wies schon frühzeitig daraufhin, das durch Prime Reading auf den Kopf gestellte Bestseller-Ranking werde gemeinhin überschätzt. Für indirekte Verkäufe ungleich wichtiger seien die Kunden-Kauften-Auch-Anzeigen, auf dien Prime Reading (und Kindle Unlimited) keinen Einfluss hätten.

Mitmachen bei Prime Reading sinnvoll? Jein.

Ob eine aktive Teilnahme am nächsten Prime-Reading-Programm – voraussichtlich im September – attraktiv ist, lässt sich derweil nicht pauschal sagen. Amazon sucht sich seine Prime-Reading-Titel eigentätig aus, kontaktierte Autoren erhalten für die Bereitstellung eines ihrer Bücher für die Flatrate pauschal einen Betrag von etwa 750 Euro bis 1.500 Euro für den gesamten Zeitraum (3 Monate). Es kristallisiert sich heraus, dass zu dieser Vergütung keine signifikanten zusätzlichen Verkäufe kommen werden, die sich aus dem verbesserten Ranking ergeben.

Für ältere Titel mit bereits vier- bis fünfstelligen Verkaufsränken ist das Pauschal-Honorar zweifelsohne attraktiv, für eine Neuerscheinung, die erst einmal Arbeitsaufwand und Dienstleister-Kosten einzuspielen hat, eher nicht. Etwas anderes sieht die Kalkulation noch aus, wenn man wie Chliff Allister den ersten Teil einer Reihe für Prime Reading freigeben will und sich damit Hoffnungen auf Folgekäufe machen kann.

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Kommentare


Prime Reading für Autoren: Gemischte Gefühle » lesen.net 29. Juni 2017 um 19:03

[…] <Weiterlesen bei schreiben.net> […]


Amazon Prime Reading: Letzte Chance für aktuelle Titel » lesen.net 17. September 2017 um 12:59

[…] es hier also mit großer Wahrscheinlichkeit neuen Lesestoff geben – und damit wohl auch ein neuerliches Durcheinanderwirbeln der Kindle Charts. Die anfängliche totale Dominanz von Prime-Reading-Titeln […]


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