Skip to main content

Hermeneutik: Definition, 3 Bedeutungen & 3 Beispiele

Die Lehre der Textinterpretation wird als Hermeneutik bezeichnet. Die hermeneutische Herangehensweise hilft dir dabei, den Sinn eines Werks zu verstehen. Wir verraten dir die verschiedenen Bedeutungen der Hermeneutik und haben wichtige Regeln und Beispiele für dich.

Im weitesten Sinn meint die Hermeneutik die Kunst des Verstehens an sich, also das Nachvollziehen von Sinnzusammenhängen ganz allgemein. Meist begegnet dir der Begriff “hermeneutisch” allerdings im Zusammenhang mit interpretierbaren Texten aller Art.

Was Hermeneutik ist

Was Hermeneutik ist

Als Hermeneutik (englisch: hermeneutics) im engeren Sinne bezeichnet man die theoretische Herangehensweise, ein künstlerisches Werk (meist einen Text) zu verstehen beziehungsweise zu interpretieren. Der Begriff "Hermeneutik" stammt aus dem Griechischen und bedeutet “erklären”, "deuten", "übersetzen" oder “auslegen”.

Definition der Hermeneutik

Als “Hermeneutik” oder “hermeneutische Methode” wird ein Verfahren bezeichnet, das ein Werk erklärt oder argumentativ auslegt. Es geht darum, den Sinn zu verstehen, ihn aufzuschlüsseln und mit den eigenen Gedanken zu verbinden.

Dazu gehört in erster Linie die Interpretation und Analyse von Texten. Die Hermeneutik benötigst du also unter anderem für:

Außerdem können Kunstwerke oder Musikstücke hermeneutisch betrachtet werden.

Das Ziel der Hermeneutik ist es, die Vorstellungen und Gedanken anderer in den eigenen Geisteshorizont zu integrieren.

Bedeutung des Verbs “hermeneutisch”

Bedeutung des Verbs "hermeneutisch"

Das Verb “hermeneutisch” bedeutet so viel wie “auslegend”, “deutend” oder “erklärend”. Du kannst es verwenden, wenn du über Analysen, Kritiken, Kommentare oder andere Arten von Interpretationen und Deutungen sprichst.

Beispiele für den korrekten Sinnzusammenhang sind:

  • “Die hermeneutische Betrachtung von Texten verstorbener Autoren ist kritisch, da sich der Verfasser nicht mehr zu seinen Intentionen äußern kann.”
  • “Die Rezension zum neuen Roman des Autors nutzte jeglichen hermeneutischen Spielraum, wodurch die eigentliche Botschaft des Werks verfälscht wurde.”
  • “Aus hermeneutischer Sichtweise ist es eine einleuchtende Argumentation. Sie orientiert sich allerdings nicht an den Fakten und wirkt dadurch doch leicht an den Haaren herbeigezogen.”
  • “Den Sinn von Texten zu ergründen, fällt in den hermeneutischen Aufgabenbereich.”

Hermeneutischer Zirkel

Der hermeneutische Zirkel bezeichnet eine visuelle Darstellung des Verstehensprozesses zwischen der sendenden Person (etwa der Autor eines Textes) und der empfangenden Person (etwa der Rezipient).

Hierbei geht man davon aus, dass Vorwissen und Vorurteile den Prozess des Verstehens beeinflussen. Die sendende und die empfangende Person haben allerdings oft nicht denselben Wissensstand, was zu einer widersprüchlichen Interpretation führen kann.

Der Prozess der Interpretation wird als Zirkel dargestellt, da es keinen direkten, linearen Weg zum Sinn eines Werks gibt. Das Verstehen erfolgt zirkelförmig, wenn man so möchte auch spiralförmig. Allerdings gelangt die empfangende Person nie objektiv zu dem einen vollständigen Sinn.

Sie kommt dem ursprünglich intendierten Verständnis nur näher, kann sich aber nicht ganz von Vorerfahrungen und Vorwissen lösen. Sie kann nur erahnen, was die sendende Person ursprünglich intendiert hat, erlangt aber nie vollständige Gewissheit.

Erstmals veröffentlicht wurde die Theorie des hermeneutischen Zirkels im Jahr 1808 von dem Philologen Friedrich Ast. Sie diente als Voraussetzung für die hermeneutische Methode, über die du im Folgenden mehr erfährst.

Die hermeneutische Methode

Die hermeneutische Methode

Als hermeneutische Methode wird ein Ansatz aus der Erkenntnistheorie bezeichnet, der den Verstehensprozess von Texten und Aussagen schrittweise erklärt. Sie bezieht sich nicht auf Gebrauchstexte, sondern auf solche, die die Lesenden ergreifen und emotional berühren.

Der Ansatz für diese Methode erlangte durch Martin Heidegger an Bedeutung. Hans-Georg Gadamer entwickelte sie weiter und Emil Staiger bezog sie auf Texte, die den Menschen ergreifen.

Der Prozess des Verstehens besteht aus:

  • Vorurteile werden gebildet und Vermutungen über den Text angestellt
  • Vorliegender Text wird erarbeitet

Während dieses Prozesses ändert sich das Vorwissen oder es entwickelt sich weiter, je nachdem, wie sehr der oder die Lesende dazu bereit ist, seine oder ihre Annahmen zu überdenken. Daraus folgt ein Vorstadium, in dem ein Vorverständnis gebildet wird, und drei weitere Stadien der Verstehens:

  • Erstes Stadium: Der hermeneutische Entwurf (Verschmelzen von Vorverständnis und neuer Bedeutung des Wissens)
  • Zweites Stadium: Die hermeneutische Erfahrung (Erweitern und Korrigieren des Vorverständnisses)
  • Drittes Stadium: Der verbesserte Entwurf (Entwickeln eines tieferen Verständnisses und Reifen des Vorverständnisses)

Durch das Überdenken und Weiterentwickeln der Gedanken hat sich das Vorverständnis verändert. Dieser Verstehensprozess kann unendlich oft wiederholt werden, wodurch der hermeneutische Zirkel immer größere Kreise ziehen kann, um einem besseres Verständnis des Textes näher zu kommen.

Grundregeln der Hermeneutik

Die Hermeneutik ist keine klar greifbare Technik oder Methode, nach der du Schritt für Schritt vorgehen kannst. Je nach Text kann und sollte der Interpretationsfokus auf andere Dinge gelegt werden. Wichtig ist, aus allem zu schöpfen, was dir gegeben ist und jeden Anhaltspunkt für eine Deutung zu nutzen.

Zu den Grundregeln der Hermeneutik gehört, dass du die Bedeutung von etwas erfassen sollst und nicht den Grund erfragst, warum etwas geschrieben wurde. Manchmal bietet der Grund allerdings auch einen guten Anhaltspunkt, um den Text an sich besser zu verstehen.

Außerdem geht es bei der hermeneutischen Interpretation darum, Sinn aus dem Vorhandenen zu ziehen und nicht eine bestimmte Bedeutung in den Text hineinzutragen. Hierbei können der kulturelle und historische Kontext gute Anhaltspunkte zur Analyse bieten.

Der Verstehensprozess wird als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Das Ziel ist es, durch das Verstehen von einzelnen Elementen den Gesamtsinn eines Textes nachzuvollziehen.

Gibt es eine hermeneutische Differenz zwischen verfassender und interpretierender Person, etwa ein unterschiedlicher Wissenshorizont, sollte diese bestenfalls aufgehoben werden. Das kannst du zum Beispiel durch gründliche Recherche erledigen.

Tipps für eine gelungene Recherche findest du hier. 

Beispiele für Hermeneutik

Beispiele für Hermeneutik

Da du theoretisch jeden Text hermeneutisch untersuchen kannst, ist es manchmal nicht leicht, die genauen Regeln und Vorgehensweisen der Hermeneutik nachzuvollziehen. Zur besseren Veranschaulichung haben wir ein paar Beispiele für dich zusammengestellt.

Zunächst einmal kannst du dich an diesen Fragen orientieren, wenn du den Sinn eines Textes verstehen möchtest:

  • Welche Bedeutung verbindet die Verfasserin oder der Verfasser mit dem zu verstehenden Text?
  • In welchem Bedeutungskontext steht das zu Verstehende?
  • Welches Ziel hat der Text?

Wenn du dir diese Fragen stellst und dich in die Verfasserin oder den Verfasser hineinversetzt, kannst du schrittweise erschließen, welcher Sinn gemeint sein könnte.

Beispiel: Ironische Aussage

Ein Autor aus der Zeit der beginnenden Industrialisierung lobt den Fortschritt und die Verstädterung in einem Text. Versetze dich nun in ihn hinein und betrachte den historischen Kontext und die Probleme, die mit dieser Zeit einhergingen (Verarmung, hohe Arbeitslosigkeit, Kinderarbeit, Umweltverschmutzung). Aus ihnen kannst du schließen, dass die Aussage des Autors wahrscheinlich ironisch gemeint ist.

Beispiel: Textanalyse (Interpretation)

Eine hermeneutische Interpretation kann auch in Form einer ausführlichen Textanalyse stattfinden. Du brauchst sie vor allem in der Schule für übliche Aufgaben im Deutsch- oder Englischunterricht oder für wissenschaftliche Arbeiten an der Hochschule. Eine solche Analyse sieht im Überblick so aus:

  1. Einleitung schreiben
  2. Kurze Inhaltsangabe des Textes verfassen
  3. Deutungshypothese aufstellen 
  4. Formale Analyse durchführen (rhetorische Mittel, Sprache, Kontext)
  5. Eigentliche Interpretation
  6. Fazit schreiben

Bei der Textanalyse geht es darum, eine tiefere Bedeutung aus der augenscheinlichen Form herauszulesen. Die schrittweise Argumentation erfolgt anhand von Beweisen am Text und der Deutung von rhetorischen Mitteln.

Außerdem dienen Informationen zur Epoche oder dem Leben der Verfasserin oder des Verfassers als stützende Elemente, um seine oder ihre Denkweise nachzuvollziehen.

Diese Eckpfeiler dienen als Grundlage der Deutung. Sie stützen die Hypothese, die den Sinn (oder zumindest einen Sinn) des Werks offenbaren soll.

Hier findest du eine ausführliche Anleitung zur Interpretation von Texten und eine Beispielanalyse. 

Beispiel: Wann Hermeneutik nicht möglich ist

Manchmal gibt es auch Situationen, in denen keine hermeneutische Deutung möglich ist, zum Beispiel wenn sachlich über das Wetter oder andere Fakten gesprochen wird.

Ebenso ist es, wenn wir eine andere Sprache nicht verstehen. Ohne den Ansatz eines gemeinsamen Wissenshorizontes ist Hermeneutik nicht möglich.

Geschichte der Hermeneutik

Geschichte der Hermeneutik

Die Kunst der Andeutung gab es bereits in der Antike, vor allem in der griechischen Mythologie. Dort erteilte das Orakel von Delphi Ratschläge. Sie enthielten keine genauen Anweisungen, aber ihr Sinn blieb auch nicht ganz verborgen.

Eine Bedeutungsähnlichkeit findet sich außerdem zum Götterboten Hermes, der in der Mythologie die Nachrichten der Götter überbrachte und übersetzte. Ohne seine Interpretation hätte sie niemand verstehen können. Theorien darüber, ob sich der Begriff “Hermeneutik” vom Gott “Hermes” ableitet, sind allerdings umstritten.

Weitere historische Wurzeln der Hermeneutik finden sich in altindischen Lehren und jüdischen Auslegungen der hebräischen Bibel (Tanach). In den darauf folgenden Jahren erwies sich die Interpretation biblischer Texte als eines der größten Anwendungsgebiete der Hermeneutik bis sie sich schließlich zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin entwickelte.

Die antike Allegorese

In der antiken Hermeneutik spielte die Allegorese eine wichtige Rolle. Sie bezeichnet die Ermittlung eines verborgenen Sinns in einem Text. Die Besonderheit dabei ist, dass sich der wörtliche Sinn von dem gemeinten Sinn unterscheidet. Dieses Verfahren wurde oft auf biblische Texte angewandt.

Ein Beispiel ist das “Hohelied” aus der Bibel. Es ist auf der rein wörtlichen Ebene ein Gedicht, das von der Liebe zwischen Frau und Mann handelt. Es wird allerdings oft als Sinnbild für die Liebe zwischen Gott und den Menschen gedeutet und verwendet.

Exegese im Mittelalter

Auch im Mittelalter war die Bibel ein beliebter Gegenstand der Hermeneutik. Die Erforschung und Deutung nannte man Exegese. Sie untersuchte den äußeren Mantel des Textes auf der sogenannten Cortex-Ebene. Im Fokus standen hier die Grammatik und wörtliche Bedeutung sowie der historische Sinn.

Auf der Nucleus-Ebene, dem Kern, suchte man nach einer tieferen Bedeutung. Diese wurde in drei Tiefen gegliedert: die moralische Bedeutung, die tiefere kirchliche beziehungsweise christliche Bedeutung und den noch tiefer verborgenen hinführenden Sinn.

Dieser Sinn weist auf das Geheimnis der Offenbarung hin, das für Menschen im Diesseits nicht zugänglich ist und ihnen erst im Jenseits dargeboten wird.

Tendenzen der Aufklärung

Friedrich Schleiermacher

In der frühen Neuzeit erwies sich die Hermeneutik auch im juristischen Bereich als hilfreich. Es wurden historische Texte ausgelegt und auf aktuelle Situationen bezogen, um juristische Grundlagen zu schaffen.

Zur Zeit der Aufklärung löste sich die Hermeneutik hingegen langsam von normierten formellen Vorgaben. Im 19. Jahrhundert formulierte Friedrich Schleiermacher eine allgemeine Definition der Hermeneutik als Kunstlehre zur Interpretation und Technik der Auslegung.

Er wünschte sich, dass die Deutung der Rede nicht erst dort anfangen solle, wo das Verständnis aufhöre. Man solle bereits von Anfang an hermeneutisch vorgehen, um keinen Aspekt zu vernachlässigen. Hierbei seien vor allem die grammatische und die psychologische Ebene von Bedeutung.

Die interpretierende Person solle die Verfasserin oder den Verfasser hinterher besser verstehen, als er oder sie sich selbst. Das sei das Ziel der Hermeneutik.

Durch diese Auffassung änderte sich die Tendenz der Hermeneutik von der reinen Wahrheitsfindung hin zur Interpretation und Sinnfindung eines Textes als Ausdruck der menschlichen Psyche, der Lebenssituation oder einer bestimmten historischen Epoche.

Hier findest du alle wichtigen Literaturepochen im Überblick.

Weitere Bedeutungen

In diesem Kapitel findest du weitere Bedeutungen der Hermeneutik in anderen Bereichen wie der Sozialforschung oder im juristischen Kontext. Sie unterscheiden sich von der hermeneutischen Methode, die wir dir bisher erklärt haben. Außerdem sind sie auf ihren Fachbereich abgestimmt.

Objektive Hermeneutik

Objektive Hermeneutik

Eine hermeneutische Herangehensweise ist die sogenannte objektive Hermeneutik nach Ulrich Oevermann. Sie versteht die Hermeneutik als eine Methode der empirischen Sozialforschung.

Die objektive Hermeneutik stützt sich nicht auf die subjektive Wahrnehmung und Interpretation. Stattdessen legt sie den Fokus auf logische Rekonstruktion, um den Sinn von etwas zu verstehen. Diese Rekonstruktion erfolgt ausgehend von einer Welt, in der alles durch Sinn strukturiert ist.

Dieser Sinn wird durch bestimmte universelle Regeln festgelegt. Sie betreffen die sozialen Strukturen des Menschen, grammatische Regeln der Sprache und die pragmatische Umsetzung von Sprache.

Was 'objektiv' bedeutet

Bei der objektiven Hermeneutik geht es darum, etwas anhand logischer Rückschlüsse zu verstehen. Es geht also nicht um die subjektive Wahrnehmung. Objektiv zu handeln, bedeutet also, Dinge sachlich und logisch zu betrachten. Subjektiv zu handeln, ist das Gegenteil. Es meint deine persönliche Meinung und individuelle Betrachtungsweise von etwas.

Juristische Hermeneutik

Die sogenannte juristische Hermeneutik bezeichnet die Auslegung und Interpretation von Gesetzen, Rechtsnormen und -handlungen. Sie wird auch Theorie der juristischen Argumentation genannt und ist eine Methodenlehre, die es ermöglicht, im Rahmen der Verfassung, die Rechtslage zu seinen Gunsten auszulegen.

In der frühen Neuzeit bezog man sich hierbei vor allem auf historische Texte, die auf eine aktuelle Situation übertragen wurden.

Pädagogische Hermeneutik

In der Pädagogik bezeichnet die Hermeneutik eine wissenschaftliche Methode zum Sammeln von pädagogisch relevantem Wissen. Dieses kann sich die Pädagogin oder der Pädagoge durch die Interpretation von pädagogischen Texten und dem Lesen historischer Pädagogik-Theorien aneignen.

Hierbei sind die geschichtlichen und politischen Voraussetzungen sowie die Lebenswelt der Kinder wichtige Einflussfaktoren. Auf diese Art und Weise lernt ein Pädagoge mit einem bestimmten Vorverständnis an Situationen heranzugehen und sein Wissen auf aktuelle Situationen und Problematiken zu übertragen.

10 votes, average: 4,50 out of 510 votes, average: 4,50 out of 510 votes, average: 4,50 out of 510 votes, average: 4,50 out of 510 votes, average: 4,50 out of 5 (10 votes, average: 4,50 out of 5)
You need to be a registered member to rate this.
Loading...

Auch interessant für dich

Ähnliche Beiträge