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Epigramm: 6 Merkmale, Analyse & 15 Beispiele zur Gedichtform

Das Epigramm benennt eine bestimmte Gedichtform. Besonders der römische Dichter Martial hat zu der heute typischen Charakteristik des Epigramms beigetragen. Wie diese aussieht und wie du das Kurzgedicht analysieren kannst, erfährst du im Folgenden.

Epigramme gibt es schon seit der Antike. Damals benannten sie zum Beispiel Inschriften auf Gräbern. Mit der Zeit haben sie sich in Form und Funktion verändert. Was Epigramme ausmacht, welche Merkmale sie haben und wie du sie analysierst, erklären wir dir im Folgenden.

Was ein Epigramm ist

Der Begriff “Epigramm“ kommt aus dem Altgriechischen und heißt übersetzt “Aufschrift”. In der griechischen Antike war ein Epigramm nämlich eine kurze Inschrift auf beispielsweise Kunstwerken, Weihgeschenken oder Grab- und Denkmälern. Es hatte die Funktion den Gegenstand zu beschriften und seine Bedeutung festzuhalten. Mit der Zeit entwickelte sich aus dieser Inschrift ein Sinn- oder Spottgedicht. Dieses erfasste in sehr knapper Form Gedanken oder Gefühle, die sich an Personen, Handlungen oder Begebenheiten richteten. Das Epigramm wurde so zu einer eigenen Dichtungsgattung.

Geschichte des Epigramms

Geschichte

Die Geschichte des Epigramms reicht weit zurück. Im Laufe der Zeit hat sich sowohl seine Form als auch Funktion verändert. Im antiken Griechenland fungierte das Epigramm noch als Inschrift. Ende des sechsten Jahrhunderts in Rom nahm das Epigramm dann allerdings einen satirischen und fast schon beißenden Charakter an. Besonders der Dichter Martial (40n. Chr – 104n. Chr) trug dazu bei.

Auch weiterhin blieb der Charakter des Epigramms bei den romanischen Völkern ähnlich, nur die Form änderte sich. Besonders beliebt wurde das Epigramm aber schließlich in Frankreich. Clément Marot (1496-1544) wird hier als der erste bekannte Dichter von Epigrammen genannt. Auch in der französischen Revolution (1789-1799) wurden Epigramme von der politischen Opposition benutzt. Mit ihnen wurde beispielsweise Kritik oder Spott geäußert.

Im deutschsprachigen Raum sind Epigramme schon seit dem 13. bis 14. Jahrhundert vorzufinden. Sie nennen sich “Primalen” und sind eher Sitten- und Weisheitssprüche. Im 17. Jahrhundert wurden dann erste Epigramme nach Martials Beispiel verfasst. Allerdings handelte es sich dabei meistens um allgemeine Sinnsprüche. Zu den wenigen Ausnahmen zählten die Xenien von den Dichtern Goethe (1794-1832) und Schiller (1759-1804). Dazu aber später mehr.

Aufbau des Epigramms

Der formale Aufbau eines Epigramms kann in zwei Teile geteilt werden.

  1. Hexameter: Hierbei handelt es sich um einen antiken Vers, der aus sechs Versfüßen und Daktylen besteht. Der letzte Versfuß ist unvollständig, da im Hexameter die letzte Silbe entfällt. Inhaltlich liegt die objektive Schilderung einer Situation, Sachlage, eines Vorfalls oder einer Beschreibung vor.
  2. Pentameter: Auch hier handelt es sich um einen antiken Vers, der aus sechs Versfüßen und Daktylen besteht. Charakteristisch ist hier, dass sowohl nach dem dritten als auch nach dem sechsten Daktylus beide Hebungen entfallen. Der Autor gibt hier eine subjektive Stellungnahme mit Pointe am Schluss.

Die Pointe am Schluss wird oft als Paradoxon (Gegensatz) zum Hexameter formuliert. Deswegen kann man den Hexameter oft als Erwartung und den Pentameter als den Aufschluss bezeichnen. Der antithetische (gegensätzliche) Aufbau ist zudem ein stilistisches Mittel, da er die Pointe verstärkt.

Epigramme werden heutzutage meistens in Form eines Distichons (Zweizeiler) oder Tetrastichons (Vierzeiler) verfasst. In der Vergangenheit wurden Epigramme teilweise auch als Sonette oder Madrigale geschrieben.

Merkmale des Epigramms

Epigramme erkennst du an einigen charakteristischen Merkmalen, die sich über die Zeit geformt haben. Für einen besseren Überblick haben wir die wichtigsten in einer kurzen Aufzählung kurz für dich zusammengefasst:

  1. Früher: Treffende und kurze Inschrift, Zeichen der Würdigung und Achtung
  2. Heute: Sinn- beziehungsweise Spottgedicht
  3. Äußert Kritik, Gedanken, Gefühle
  4. Einteilung in Hexameter und Pentameter
  5. Antithetischer Aufbau
  6. Schreibweise: Distichon und Tetrastichon

Unterschied: Epigramm und Elegie

Zwischen dem Epigramm und der Elegie gibt es keine auffälligen großen formalen Unterschiede. Der Aufbau ist auch bei einer Elegie in Hexameter und Pentameter einteilbar. Der eigentliche Unterschied liegt bei den zwei Gedichten im Inhalt. Elegien sind nämlich Gedichte, die von düsteren und traurigen Themen handeln. Dazu gehören oft Verlust, Angst, Tod oder Trauer. Epigramme sind im wesentlichen Spott- oder Sinngedichte, die entweder spotten, kritisieren oder belehren. Einige der bekanntesten Vertreter von Elegien sind die Dichter Gottfried Benn, Friedrich Schiller und der Römer Ovid. Zu den modernen Vertretern von Epigrammen gehört unter anderem Erich Kästner.

Funktion von Epigrammen

Ursprünglich waren Epigramme Inschriften auf zum Beispiel Gräbern oder Denkmälern. Ihre einzige Aufgabe war die Beschreibung des Gegenstands oder Zustands. Dabei sollten sie zumeist ein Zeichen von Wertschätzung und Würdigung sein.

Autoren nutzen Epigramme oft, um auf Missstände zu verweisen oder sich politisch zu äußern. Das Epigramm diente also zur freien Kritikäußerung. Schriftsteller konnten mit Epigrammen subtil, aber dennoch klar und deutlich ihre Meinung sagen. Es bot sich für viele Dichter an, da es ihnen ermöglichte, kritisch zu sein, ohne sich dabei strafbar zu machen.

Die Xenien (1797)

Johann Wolfgang von Goethe als Autor der Xenien

Bei den Xenien handelt es sich um eine Sammlung von Epigrammen, die Schiller und Goethe gemeinsam im Jahr 1797 veröffentlichten. Das Wort “Xenien” kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt “Gastgeschenke“. Schiller und Goethe übernahmen den Begriff von Martials dreizehntem Buch von Epigrammen und deuteten ihn ironisch um. Die zwei Dichter äußern sich in 676 Epigrammen kritisch, satirisch, bissig und teils persönlich zu rund 200 Schriftstellern, Werken und Zeitschriften. Die Distichen waren sowohl kritisch als auch politisch motiviert.

Nach der Veröffentlichung der Xenien entstand eine Welle von sogenannten “Anti-Xenien”. Bei diesen “Anti-Xenien” handelte es sich um Gedichte, die als Antwort auf Schillers und Goethes “Xenien“ dienten. Auch dort wurde viel auf persönlicher Ebene kritisiert und beleidigt. Schiller und Goethe antworteten aber auf keine dieser “Anti-Xenien”.

Analyse eines Epigramms

Während das Epigramm in der Analyse anderen Gedichtformen gleicht, gibt es dennoch ein paar Besonderheiten, die du beachten solltest. Gerade wegen seiner Kürze kann sich die Analyse eines Epigramms als schwierig erweisen. Im Folgenden findest du einige Aspekte, auf die du dich in der Analyse fokussieren könntest. Mehr Tipps zur Gedichtanalyse gibt es hier.

  • Autor und Epoche: Lebte der Autor in einer besonderen historischen Epoche oder hat eigene Ideologien, die das Werk beeinflusst haben?
  • Ist der typische Aufbau (Hexameter und Pentameter) erkennbar?
  • Was ist die Intention des Autors? Kritisiert/Spottet/Verweist er auf etwas? Wenn ja, mit welcher Aussage?
  • Formale Aspekte: Verse, Metrum, Hebung, Kadenzen, Reimart
  • Stilistische Mittel: Antithesen, Anaphern, Paradoxon, Chiasmus (Überkreuzstellung von Wörtern durch direkte Spiegelung, Beispiel: ABC, CBA)

Tipp: In der Schule bekommst du von deinem Lehrer oftmals Anhaltspunkte in der Aufgabenstellung. Sollte dir also ein Aspekt vorgegeben sein, ist es besser, wenn du dich an diesem orientierst.

Analyse am Beispiel “Philosophische Querköpfe”

Um die Analyse eines Epigramms deutlicher zu machen, haben wir dir hier eine stichwortartige Analyse des Epigramms “Philosophische Querköpfe” als Beispiel erstellt. Das Epigramm ist eines der vielen, die Schiller und Goethe in ihrer Epigramm-Sammlung “Xenien” festgehalten haben. Es richtet sich an ihren literarischen Gegner Friedrich Nicolai (1733-1811).

Querkopf! schreiet ergrimmt in unsere Wälder Herr Nickel,
Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

  • Weimarer Klassik: Goethe und Schiller waren beide eine der wichtigsten Vertreter dieser Epoche
  • Typischer Aufbau ist erkennbar:
    Hexameter: Nicolai schreit “Querkopf” in den Wald, Leser erwartet, dass “Querkopf” als Echo zurückkommt
    Pentameter: Das Echo antwortet “Leerkopf” und beleidigt Nicolai damit
  • Spottendes Epigramm, dass sich über den Dichter Friedrich Nicolai lustig macht:
    – Es schallt “Leerkopf” aus dem Wald, was die Meinung von Goethe und Schiller über Nikolai widerspiegelt: Nicolai ist unklug (denn er hat nichts im Kopf)
    – Nicolai bekommt den Spitznamen “Herr Nickel”, Schiller und Goethe schauen auf Nicolai herab
  • Anfangsreim (Wörter am Anfang zweier Verse reimen sich): Querkopf – Leerkopf (weitere Reime)
  • Paradoxon: Der Logik nach hätte aus dem Wald “Querkopf” zurückschallen müssen, nicht “Leerkopf”. Paradox, weil unmöglich.
  • Personifikation des Waldes: Dem Wald werden menschliche Eigenschaften zugeschrieben, wie das Äußern der Meinung über Nicolai, Mehr rhetorische Mittel findest du hier.

15 Beispiele von Epigrammen

15 Beispiele von Epigrammen

Die folgenden Autoren haben nicht nur Epigramme geschrieben, sondern auch die zukünftigen Epigrammatiker beeinflusst. So hatte beispielsweise Martial einen sehr großen Einfluss auf Schiller und Goethe. Zu erkennen ist dies unter anderem an ihrer Epigramm-Sammlung, die sie nach einem der Epigramm-Bücher von Martial benannten.

Die folgenden Autoren sind zeitlich geordnet. Es beginnt also bei Simonides von Keos in der Antike und hört bei Erich Kästner in der Weimarer Republik auf. Hier erfährst du mehr zu den literarischen Epochen Vormärz, Barock, Sturm und Drang, Romantik und Realismus. Denn auch in diesen Epochen waren Epigramme beliebt.

  1. Simonides von Keos: Thermopylen-Epigramm
  2. Martial: Liber Spectaculorum
  3. Ausonius: Parentalia
  4. Clément Marot: A Jan Jan
  5. Friedrich Logau: Erstes Hundert deutscher Reimsprüche
  6. Ephraim Lessing: An den Herrn R.
  7. Balthasar Haug: Epigramme und vermischte Gedichte
  8. Johann Goethe: Venezianische Epigramme
  9. Friedrich Schiller: Votivtafeln
  10. Franz Grillparzer: Epigramme
  11. August von Platen-Hallermünde: An die Poetaster
  12. Friedrich Vischer: Epigramme aus Baden-Baden
  13. Friedrich Hebbel: Unfehlbar
  14. Carl Wernicke: Palämon
  15. Erich Kästner: Kurz und Bündig: Epigramme
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